Autisten, die alle einmal zehnjährige Autisten waren, schreiben Briefe an einen jungen Autisten, der sein Dasein (noch) nicht mag.

(Quelle: http://briefeaneinenautisten.tumblr.com/)

Lass dich nicht unterkriegen!

Hallo du,

ich bin vor Kurzem auf die Aktion aufmerksam geworden und wollte dir auch ganz unbedingt ein paar Zeilen schreiben.

Ich heiße Nadine und bin 23 Jahre alt. Dass ich Asperger-Autistin bin, habe ich erst mit 21 Jahren erfahren, also vor etwas über zwei Jahren.

Als ich so alt war wie du, besuchte ich gerade die 4. Klasse der Grundschule. Auch wenn ich anfangs große Schwierigkeiten gehabt habe, alleine mit dem Bus zur Schule zu fahren, bin ich dennoch gerne in die Schule gegangen und habe viel Freude am Lernen gehabt. Für einige meiner Mitschüler war es oftmals sehr mühsam, ihre Hausaufgaben zu erledigen und sich auf Klassenarbeiten vorzubereiten. Mir hingegen fielen diese Dinge sehr leicht. Ich erinnere mich zum Beispiel noch daran, dass ich häufig vor den anderen mit den Klassenarbeiten fertig gewesen bin und aus Langeweile manchmal diese mit Zeichnungen verziert habe. Meine Lieblingsfächer waren damals übrigens Kunst und Sachkunde.

An den Nachmittagen habe ich mich oft mit den Mädchen aus meiner Klasse verabredet und mich mit ihnen zum Spielen getroffen. Jedoch merkte ich schon damals immer wieder, dass ich irgendwie anders war, als die anderen Kinder in meinem Alter. Vor allem als die anderen Mädchen. Diese haben sich am liebsten verkleidet und geschminkt, um anschließend in die unterschiedlichsten Rollen zu schlüpfen. Ich habe zwar meistens mitgemacht (manchmal habe ich mich auch geweigert), aber wirklich Spaß habe ich daran nicht gehabt. Hinzu kam, dass mir die Verabredungen im Nachhinein häufig zu viel wurden und ich deswegen abends oft geweint habe.

Ähnlich ging es mir bei Geburtstagsfeiern. Ich bin damals weder gerne zu Geburtstagsfeiern gegangen, noch habe ich meinen eigenen Geburtstag gerne gefeiert. Das war mir alles viel zu laut, viel zu bunt und viel zu viel Trubel.

Am wohlsten habe ich mich gefühlt, wenn ich in meinem Zimmer ganz für mich alleine sein konnte. In solchen Momenten habe ich dann gerne Hörspiele gehört, Bücher gelesen oder einfach nur etwas aus Lego gebaut.

Die mit Abstand schwierigste Zeit war - etwas später - die Zeit auf der Realschule. Dort wurde ich von meinen Mitschülern immer wieder aufgrund meiner guten Schulnoten gemobbt. Und auch sonst konnten sie nicht sonderlich viel mit mir anfangen. Auch mit meiner damaligen besten Freundin habe ich leider kaum noch etwas zu tun gehabt. Unsere Interessen haben sich immer mehr unterschieden. So kam es, dass ich die meiste Zeit alleine verbracht habe. Egal, ob in der Schule oder an den Nachmittagen zu Hause.

Das machte mich oft sehr traurig. Ich war zwar gerne mal für mich ganz alleine, aber ich war nicht gerne einsam. Deshalb habe ich mir oft gewünscht, jemand anderes zu sein. Ich konnte mich selbst einfach überhaupt nicht leiden.

Doch auch wenn es nicht immer einfach war und sein wird, irgendwie anders zu sein, habe ich mittlerweile entdeckt, dass ich nicht nur Schwächen habe, sondern mindestens genauso viele Stärken. Ich bin zum Beispiel sehr kreativ, kann gut fotografieren und habe ein gutes Erinnerungsvermögen. Ich bin mir sicher, auch du besitzt etwas, eine Eigenschaft oder eine Fähigkeit, die dich zu etwas ganz Besonderem macht.

Wichtig ist, dass du gar nicht erst versuchst, jemand anderes sein zu wollen. Denn genauso wie du bist, bist du toll!

Astrid Lindgren (die Autorin von Pipi Langstrumpf oder Michel aus Lönneberga) sagte einmal: „Lass dich nicht unterkriegen. Sei frech, wild und wunderbar.“

Genau diese Worte möchte ich auch dir mit auf den Weg geben.

Nadine

(http://bravelittlefox.blogspot.de/2015/06/aktion-briefe-einen-zehnjahrigen.html)

FREITAG, MAI 22, 2015

Hallo Junge,

auch ich war mal 10 Jahre, war ein Außenseiter und wurde gemobbt. Richtige Freunde hatte ich keine. Ich wusste bis vor kurzem nicht, was mit mir los ist. Wieso ich so viele Dinge, die anderen scheinbar spielend gelingen, nicht hinbekomme.

Vor kurzem erfuhr ich, dass meine Tochter Asperger hat und je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigt habe, um so klarer wurde mir, dass ich die gleichen Probleme habe. Jetzt, mit 42 Jahren weiß ich endlich, dass es Dinge gibt, die ich einfach nicht kann und wahrscheinlich auch nicht mehr lernen werde, aber ich kann es akzeptieren, weil ich jetzt weiß, dass es nicht an mir liegt. Doch es gibt auch Dinge, die ich besser kann, als andere und es gibt Leute, die mich so mögen wie ich bin (oder wahrscheinlich nur mögen, weil ich so bin wie ich halt bin).

Ich habe mit meiner Tochter beschlossen, dass nicht die anderen die normalen und wir die besonderen Menschen sind, sondern dass wir die Sache einfach umdrehen: wir sind normal.

Denn, wer bestimmt eigentlich, was normal ist? „Es ist normal Verschieden zu sein“

Also, schätze dich glücklich, weil du schon jetzt weißt, was mit dir los ist. Finde heraus, was du besser als alle anderen kannst und akzeptier deine Schwächen, dass ist wahre Stärke.

Bleib so wie du bist und lass dich nicht verbiegen oder kleinreden!

SAMSTAG, MAI 9, 2015

DIENSTAG, MAI 5, 2015

“Noch einmal 10 sein … das wäre lustig!”

Für mich wäre es das weniger. 

Als ich zehn Jahre alt war, mochte ich keine Geburtstagsfeiern, keinen Besuch, keine Küsse, keine fliegenden Bälle, spielte lieber allein, saß im verdunkelten Zimmer oder las Bücher.

Als ich zehn war, erfuhr ich, dass mein Schulfreund auf eine andere Schule gehen werden würde als ich. Der Horror: Neues Gebäude, neuer Schulweg, unzählige neue Gesichter: Ich allein im “Ausland”.

Als ich zehn Jahre alt war, verstand ich Dinge oft wortwörtlich, wusste nicht, warum ich dies oder das mal wieder “nicht gebacken” gekriegt haben sollte; begriffsstutzig sollte ich sein, was Mitschülerinnen und Mitschüler zwar zum Lachen brachte, mich aber nur noch mehr verwirrte.

Dabei war ich überhaupt nicht “begriffsstutzig”. Ich konnte mir gut merken, wenn ein Lehrer gestern etwas gesagt hatte, heute aber etwas anderes tat. Oder wenn man in der Familie unter sich so sprach, vor Fremden wieder ganz anders. Das bekam ich nicht zusammen in meinem Kopf. Wie unlogisch doch die Welt war.

Als ich zehn Jahre alt war, mochte ich Zahlen und Mathe, verstand jedoch oftmals die Aufgaben nicht ( vor allem Textaufgaben, Hilfe! ). Ich konnte mir Zahlen, wie überhaupt Angaben zu irgendeinem technischen Detail gut merken, doch kaum jemanden interessierte das. Und in die Lücken und leeren Felder einer Mathearbeit konnte ich das auch nicht eintragen. Als eine Mathelehrerin später das Problem bemerkte und mir die Aufgaben erklärte, verbesserte ich mich rasant. Als die Lehrerin die Schule verließ, verließ auch einer der wenigen Menschen, die Verständnis aufbrachte für mich und meine andere Art an Dinge heranzugehen, meine kleine Welt.

In Deinem Schülerleben wird es weniger dem Zufall überlassen sein, welche Art und welchen Umfang von Förderung oder Begleitung Du erhalten wirst. 

Dass ich anders war, hätte meine Familie bemerken sollen. Eigentlich. Aber da gab es andere Herausforderungen als sich mit den Besonderheiten des Jungen zu beschäftigen. Das scheint bei Dir anders zu sein, was ich positiv sehe und - wenn dem so ist - mich für Dich freue.

Ich weiß nicht, wie Deine Fähigkeiten, Eigenschaften, Besonderheiten aussehen. Vielleicht ist das eine oder andere Hinderliche dabei.

Klar, Hinderliches, Störendes gibt es auch. Und das Leben als Autistin oder Autist ist kein Spaziergang. Nicht alle Autisten und Autistinnen sehen ihre Fähigkeiten als “Superkräfte” an - oft sind die Fähigkeiten, etwa Unstimmigkeiten in Abläufen oder im Verhalten zu erkennen, gar nicht gern gesehen in unserer Gesellschaft. Ein autistischer Mensch musste da bisher in unserem Land viel Glück haben, an einem Ort zu landen, an dem seine oder ihre Fähigkeiten und Besonderheiten gebraucht werden konnten.

Ich mache Dir Mut: Du wirst es mit Deinen jungen zehn Jahren einfacher haben, es gibt viele helfende Hände, viel Offenheit und Wohlwollen, weitaus mehr als es das vor einigen Jahrzehnten gab.

“Zukunft, ich komme.” Klingt ein wenig “abgenutzt” der Spruch. Aber ich wünsche Dir, dass Du Dir für die Zukunft gaaanz viiiieeeel vornimmst.

Lieber Du,

zehn sein ist eigentlich ziemlich toll; Wenn man nicht gerade in der Schule ist. Da war zehn sein ganz schön anstrengend. Aber nicht etwa wegen der alten Römer, der Quadrate und Wurzeln, der Komma-regeln oder der Satzbau der ersten Fremdsprache. Nein. Anstrengend war die Zeit auf dem Pausenhof, wenn alles um mich herum in Chaos versank, wenn alle anderen miteinander spielten und lachten, als wäre es das einfachste auf der Welt. Dabei war doch Geometrie das einfachste auf der Welt! Versteh’ das mal einer!?

So ging es mir. Lange Zeit. Geht es Dir manchmal ähnlich?

Mir hat es sehr geholfen nach der Schule Badminton zu spielen. Ein sehr schneller Sport, sehr leise, mit sehr genauen Regeln und einem ganzen Feld, ganz für mich allein. Die anderen Vereinsmitglieder stellen nur eine Forderung an jeden, der dazugehören will: Spiele fair. Es braucht keinen dauernder Augenkontakt, kein Smalltalk, keine Witze, über die jeder lachen kann. Wer spielt, gehört dazu, egal wie anders/komisch/merkwürdig er sich sonst verhält. Dabei spiele ich miserabel!

Das tollste am Zehn-sein waren für mich Bücher. Und es gab niemanden, der mich daran hindern konnte, jede frei Minute mit meiner Nase in einem Buch zu verbringen. Zum Glück gibt es öffentliche Bibliotheken, sonst hätte ich meine ganze Familie in den Ruin getrieben! Besonders schön: Die 13 ½ Leben des Käpt'n Blaubär, denn "Alle Buntbären sind ungleich.“ ist einer der schönsten Sätze, die ich je gelesen habe. Da war ich allerdings schon 12!

Alles Gute!

PS: Übrigens ändert es sich nie: Was den anderen leicht fällt, fällt mir immer noch schwer, und was den anderen schwer fällt, fällt mir immer noch leicht. Aber eigentlich auch eine faire Sache, oder?

SONNTAG, MAI 3, 2015

SAMSTAG, MAI 2, 2015

Nur Mut!

Hallo junger Autist,

In meiner gesamten Schul- und Kinderzeit war ich ein Außenseiter, der enorme Schwierigkeiten hatte. Die Probleme blieben, ich schaffte mit Mühe eine Ausbildung, wurde aber nicht übernommen. Auch im späteren Berufsleben scheiterte ich immer wieder. Ich verzweifelte regelrecht am Leben, wurde sogar depressiv.

Dann kam ich durch das Arbeitsamt in eine Maßnahme, die Menschen mit verschiedenen Beeinträchtigungen helfen sollte, eine Arbeitsstelle zu finden. Meine Betreuerin hatte den Verdacht, dass ich ein Asperger-Autist bin. Sie begleitete mich zu einem Therapiezentrum, wo ich getestet wurde.

Als die Diagnose bestätigt wurde, weinte ich - vor Glück!

Ich wusste jetzt warum ich anders war, es ist nun einmal angeboren. 

Seit zwei Jahren habe ich nun einen festen Arbeitsplatz und seit kurzem eine eigene Wohnung.

Du hast Glück, denn du weißt jetzt schon, warum du anders bist. Habe den Mut auch zu deiner Andersartigkeit zu stehen. 

Ein schöner Spruch zum Abschluss, den ich mal irgendwo gelesen hatte:

Ich bin eben so! Ich kann nicht anders!

FREITAG, MAI 1, 2015

Brief an einen zehnjährigen Autisten

https://echtanders.wordpress.com/2015/05/01/brief-an-einen-zehnjahrigen-autisten

Hallo junger Mann,

ich kann mich noch erinnern, als ich zehn Jahre Alt war (also vor zwölf Jahren). Damals hatte ich noch keine Asperger-Diagnose. Ich kam gerade mit einem Notendurchschnitt von 3,6 aus der vierten in die fünfte Klasse, wir hatten als erster Jahrgang nur noch zwölf Jahre bis zum Abitur, allerdings noch bis zur sechsten Klasse, bis es auf die weiterführenden Schulen ging. Mein festes Ziel, von dem mich auch meine Mutter nicht abbringen konnte war, mich soweit zu verbessern, dass ich am Ende der fünften Klasse eine Gymnasialempfehlung bekomme. Dazu musste ich einen besseren Notendurchschnitt als 2,5 haben. Ich habe schließlich so sehr angestrengt, dass ich zum Endjahreszeugnis der fünften Klasse einen von 2,3 bekommen habe und so auf das Gymnasium weitergehen konnte.

Das ist eine Geschichte, die ich immer wieder gerne erzähle und ein wichtiger Punkt meines Einzelkämpferdaseins, aber leider nur ein kleiner Teil meiner Schulzeit. Der größte Teil war geprägt von Mobbing, Ausgrenzung, Verleumdungen, Beleidigungen, Schuldzuweisungen, jeder Menge verbaler Gewalt, Gelächter, Ungerechtigkeit und jeder Menge Unverständnis. Ich denke, die meisten anderen Autisten können wohl ebenfalls ein Lied davon singen.

Bei mir fing das ganze zum Teil schon im Kindergarten an. Wie die „normalen“ Menschen so sind, sie merken es, wenn jemand anders ist. Da Kinder in dem Alter zwar bereits Gruppen bilden und in Gemeinschaft interagieren, aber kaum einen Sinn für Toleranz oder Integration haben, kannte ich das Gefühl, ausgegrenzt zu sein bereits sehr früh. Ich habe mich aber ohnehin mehr mit mir selber beschäftigt, habe gern meine Umgebung erkundet oder Musiker eines Orchesters mitsamt ihren Instrumenten gezeichnet.

Wie sollte es anders sein, in der Schule ging es mit den Mobbing dann so richtig los. Oftmals reagierte ich darauf mit Wutanfällen. Ich wollte schon dazugehören konnte es aber nicht, weil ich in meinem Handeln, Denken, Fühlen, Wahrnehmen und in meinen Interessen einfach viel zu anders war und noch heute bin. Auch so manche Lehrer haben sich da mir gegenüber zum Teil wirklich unfair verhalten. Am schlimmsten war es, sowohl mit dem Mobbing, als auch mit den Ausrastern meinerseits in der fünften Klasse, was sogar einen Klassenwechsel zur Folge hatte. Auf dem Gymnasium wurde ich leider auch weitergemobbt, erst in der Oberstufe hatte ich dann wenigstens meine Ruhe, integriert war ich während der Schulzeit aber nie.

Vor ein paar Monaten lernte ich dann erstmals das Gefühl kennen, wie es ist, integriert zu sein. Ich war für sechs Wochen in Plauen/Vogtland bei einer Art Arbeitserprobung, wo auch noch andere Menschen mit seelischen Behinderungen waren, und habe sogleich gemerkt, was für eine Verantwortung es mit sich bringt, integriert zu sein.

Jedenfalls habe ich in meiner Schulzeit immer wieder feststellen müssen, wie sehr ich mich doch von den anderen unterscheide, das markanteste Beispiel dürfte wohl der Musikgeschmack sein. Ich höre (und komponiere auch selbst) Barockmusik, also Musik aus der Zeit von Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel und Antonio Vivaldi, wahrscheinlich hast du schon aus dem Musikunterricht von denen gehört. Und wer sonst schneidet in seiner Freizeit zugewachsene Bahngleise frei oder macht 60 Kilometer Fahrradtouren, anstatt sich über Stars, moderne Musik, Casting Shows, Mode oder Zeitschriften zu unterhalten. Auch Partys und Diskothekenbesuche waren für mich immer undenkbar, allein vor dem Aspekt der Reizüberflutung.

Als unser damaliger Klassenlehrer in der sechsten Klasse einen meiner Mitschüler fragte, warum er und andere mich ärgern würden, sagte dieser sehr treffend: „Johannes ist irgendwie anders.“ Dieser Satz war übrigens auch für den Titel meines Blogs, in dem ich über Asperger-Autismus schreibe, ausschlaggebend.

Bei all dem Leid, welches das Mobbing verursacht hat, kann ich heute sagen, dass es mich auch zum Einzelkämpfer gemacht hat. Es mag verrückt klingen, aber ich profitiere heute auch von den schlimmen Erlebnissen meiner Schulzeit. Ich kämpfe solange für meine Ziele, bis ich sie erreicht habe. Aufgeben kommt für mich nicht infrage.

Nun habe ich fast noch nichts über meine Diagnose gesagt, die für mich eigentlich wie eine Identität geworden ist. Als ich vier war, hatte meine Mutter bereits den Verdacht, ich könnte Asperger haben, nachdem sie einen Zeitungsartikel darüber gelesen hatte. Also ging sie mit diesem Verdacht zum Kinderarzt, doch der sagte, die Symptome müssten in dem Fall stärker sein. Tatsächlich hatte er aber so ziemlich keine Ahnung von dem Thema „Autismus“. Doch es sollte daraufhin noch vierzehn Jahre dauern, bis der Verdacht erneut aufkam, ich war damals achtzehn und kurz vor dem Abitur. Ich begann mir in dieser Zeit ohnehin allmählich die Frage zu stellen, warum ich, wohin ich auch kam, fast immer Mobbing ausgesetzt war, warum haben die sich immer mich ausgesucht, was ist falsch an mir oder was mache ich falsch? Mit der Diagnose Ende 2012, da war ich gerade zwanzig geworden, bekam ich endlich die Antwort auf meine Fragen. Ich war nie falsch, ich war nur anders. Ich lernte mit der Zeit meinen Autismus besser kennen und konnte nun auch meine Stärken richtig nutzen und meine Einschränkungen allmählich annehmen. Heute kann ich sagen, dass mein Gehirn einfach anders verdrahtet ist und ich zu einigen Dingen fähig bin, die andere nicht können (nicht ohne Grund werde ich oft als menschliches Navigationsgerät eingesetzt ;) ).

Ich habe mir manchmal überlegt, wie wohl meine Schulzeit und mein weiteres Leben gelaufen wäre, hätte ich schon als Kind die Diagnose erhalten. Wäre ich dann noch der Einzelkämpfer gewesen, der ich heute bin? Hätte ich all das erreicht, auf das ich heute zufrieden zurückblicken kann? Sicherlich wäre die Schulzeit angenehmer verlaufen, vielleicht bleibt ja auch dir so manches erspart, was ich durchmachen musste. An dieser Stelle eine Bitte von mir: Verstecke dich nicht hinter deinem Autismus, aber schäme sich auch nicht dafür, versuche so viel wie möglich in deinem Leben zu erreichen und sei dir immer bewusst, was für ein besonderes Geschenk du mit deinem Anderssein erhalten hast. Versuche auch andere davon profitieren zu lassen. Es ist eine einzigartige Perspektive, die Menschen und ihre Verhaltensweisen sozusagen als Außenstehender betrachten zu können und mit ein bisschen Lebenserfahrung vielen Leuten wertvolle Ratschläge mitgeben zu können. Strecke dich danach aus, die Menschen besser zu verstehen, dann kannst du ihnen helfen, dich besser zu verstehen.

Autismus ist erstmal nur eine Diagnose, aber du entscheidest, was du daraus machst!

Herzliche Grüße

Johannes Lewke

wir sind viele

hallo unbekannter freund.

wir … sind viele. einige von uns sind geheimagenten. rico, skipper, kowalski und private kennst du vielleicht. … die pinguine aus madagascar … andere sind mutanten … halt die augen offen und gehe deinen weg. du bist nicht allein.

DONNERSTAG, APRIL 30, 2015

Ich mit 10 Jahren

https://autistenwelt.de/blogs/post/134

Nachdem ich von der Aktion für Dich las (https://briefeaneinenautisten.tumblr.com/), entschloss ich mich Dir zu schreiben, Junger Mann.

 

Mit 10 Jahren hatte ich noch keine Diagnose, das ist schon eine ganze Weile her. Erst mit 33 Jahren habe ich mich diagnostizieren lassen, im letzten Herbst, aus Neugier und Interesse viel eher als aus sonst einem Grund. Ich selbst bin Asperger Autistin mit 16 Punkten in der Skala, das heißt ich bin schon recht deutlich autistisch. Aber defekt? Nein. Autistin. Verheiratet bin ich und habe zwei Kinder, 1,5 und 4 Jahre sind die beiden.

 

Mit 10 Jahren genoss ich es vor allem zu tun was ich wollte. So ganz besonders viel war das nicht, denn ich hatte mich auf Kühe und Pferde fixiert. Ich war somit eigentlich immer im Stall zu finden, wenn es nicht zur Schule ging. Die paar Stunden Schule habe ich nicht mehr in Erinnerung so recht. Es interessierte mich nicht wirklich, auch wenn die Noten ganz passabel waren.

 

Mit 10 Jahren wusste ich schon, dass ich ein wenig anders bin, aber zu meinem Glück hat mir niemand auch nur annähernd gespiegelt in diesem jungen Alter etwas sei an mir defekt. Weshalb auch? Ich bin kerngesund.

 

Mit 10 Jahren wusste ich aber sehr wohl, was ich sehr gern tue und was ich brauche um glücklich zu sein. Das Leben verzauberte mich mit seiner Vielfalt und seinem Reichtum an Erfahrungen. Kälber wurden geboren, ich konnte das Leben von vielen kleinen Kälbern verändern, indem ich ihnen half die Haltungsbedingungen zu verbessern. Es machte mich in diesem Alter vor allem glücklich zu erfahren, dass ich die Kraft habe etwas zu verändern. Die Kälber wurden glücklicher, also war ich es ebenso.

 

Mit 10 Jahren erkannte ich, dass es wichtig ist zu fragen, was man im Leben bewirken möchte, bis heute habe ich dies beibehalten. Allein schon dies macht mich anders, wie vieles andere auch. Wir sind anders, für mich ist das gut so, denn dadurch bin ich jene die ich bin, so wie das für Dich auch ist. Ich wünsche Dir die Kraft Dich zu entfalten und Menschen in Deiner Umgebung die Dich lieben, wie Du bist.

Hier die Adresse zu meinem Blog, auf dem der Brief zu finden ist:

https://autismusmaedchen.wordpress.com/2015/04/30/aktion-briefe-an-einen-zehnjahrigen-autisten/

Hallo kleiner Indianer!

Lange Zeit wusste ich nicht was mit mir los war, daher habe ich irgendwann ein paar der Gemeinheiten sogar geglaubt, die Leute aus meinem Umfeld über mich sagten, zum Teil sogar, obwohl sie selbst wussten wie wenig davon stimmte.

Ich musste aus der normalen Grundschule auf eine Schule für Erziehungshilfe wechseln, weil mir die ganzen Reize und die Lautstärke zu viel wurden und ich mich nicht mehr konzentrieren konnte. Die neue Schule hatte kleinere Klassen und da war es dadurch dann nicht mehr so laut und turbulent. Im Sport war mir meistens immernoch alles zu hektisch und zu “wild”, obwohl meine Klassenkameraden schon Rücksicht auf mich nahmen.

Immer fragte ich mich, warum ich es nicht so schaffte wie andere Kinder. Meine Mutter meinte oft auch nur, ich wäre einfach nur faul gewesen und hätte mich nicht so anstellen sollen. Damals wusste zwar jeder, dass ich irgendwie merkwürdig war, aber eine richtige Erklärung hatte niemand dafür.

Ich war schon 14 als ich endlich einen Behindertenausweis mit 50% bekam und damit auf eine Körperbehindertenschule wechseln dürfte. Ich habe heute manchmal noch Angst, dass mir die Zeit auf der Erziehungshilfe-Schule irgendwann mal berufliche Chancen verderben könnte…

Ich schämte mich noch ganz lange dafür, an einer ganz normalen Schule gescheitert zu sein, die ich eigentlich hätte schaffen müssen und ich glaubte irgendwann, mich nicht genug bemüht zu haben. Dabei war ich nicht dumm, im Gegenteil, konnte ich den Schulstoff sogar schneller lernen als meine Kameraden, wenn ich alleine Zuhause lernte. Ohne Hilfe von Lehrern sog ich das Wissen auf, wie ein Schwamm Wasser aufsaugen und behalten kann. Also schnell, gründlich und viele Informationen, am die ich mich auf Befragen schnell und gut erinnern konnte. Meine Lehrer waren oft verblüfft und meinten, dass ich ja könnte, wenn ich wollte und warum ich nicht richtig mitmachen würde.

Ich wusste damals nicht, was es war, das mich so anders machte, und wusste nicht, dass nicht jeder so geräuschempfindlich war, wie ich, wusste nicht, dass nicht jeder so gut riechen konnte und auch nicht, dass andere Kinder bei grellen Farben keine Kopfschmerzen bekamen, so wie ich. So dachte ich irgendwann wirklich ich sei eine “faule Mimose” und hätte mich aus Bequemlichkeit einfach nicht genug bemüht.

Ich dachte ich sei ein Freak, weil ich mit den Armen “flatterte”, wenn man mich sehr geärgert hatte und sie lange Zeit sehr verkrampft angewinkelt hielt, wie ein Hund der “Männchen” macht. Ich dachte ich sei ein Freak, weil sogar meine Schwester sich darüber lustig machte und mich nachäffte, obwohl sie schon erwachsen war, als ich 10 wurde. Meine Schwester war da schon 21Jahre alt, verheiratet und selbst seit 4 Jahren Mutter …

Wenn ich von der Schule mittags nach Hause kam, verkroch ich mich in meinem Zimmer und las Bücher. Über Dinosaurier, über die alten Ägypter und über vieles, für das meine Kameraden nach der Schule keine Lust hatten und für das sie auch keine Energie gehabt hätten.

Spezialinteressen sind toll, auch weil wir Autisten dafür mehr Ausdauer aufbringen, als viele NTs das können. Viele sagen mir heute noch, dass es ihnen zu anstrengend und kompliziert wäre, sich mit Themen wie Quanten-Physik, Hirnforschung oder Archäologie zu beschäftigen, daher glaube ich, dass vieles was man bei uns für Hochbegabung hält, eigentlich zum größeren Teil daran liegt, dass wir viel mehr Zeit für unsere Interessen aufwenden und dazu sehr ehrgeizig und engagiert dabei sind! 

Bei anderen kamen meine Interessen aber auch nicht immer so gut an. Manche reagierten genervt und sagten “Nicht schon wieder dieses Thema” oder  sie fanden es einfach “nicht normal”, wenn ein Kind, und ganz besonders ein Mädchen, sich mehr für Wissenschaft als für alberne Vater-Mutter-Kind oder Puppen (Barbies) interessiert. Wenn ein Kind, wenn es überhaupt mal spielt, lieber stundenlang alleine mit Legos baute (bis mir die Finger weh taten), als draußen fangen zu spielen oder sich im Sandkasten gegenseitig mit Sand zu bewerfen (das habe ich so gehasst)!

Die Schwiegereltern meiner Schwester fanden das alles sehr seltsam und verstanden meine Mutter nie, warum sie ständig erzählte, wie “schwierig” ich doch sei. Sie hielten meine Mutter für eine übereifrige Frau, die sich gerne wichtig tut und ihre Tochter unter Druck setzt, den ganzen Tag zu lernen! Sie luden Mama deshalb bald nicht mehr ein. Sie fragten sich, wie man ein Kind das ruhig in der Ecke saß und Bücher las überhaupt noch als “schwierig” bezeichnen könnte. Weder unsere Verwandten und Bekannten noch Mama verstanden, dass mir einfach Spaß machte, was ich tat! Meine Mutter versuchte bald mir das Mitbringen von Büchern grundsätzlich zu verbieten. Sie nahm mir das ganz übel, dass sie deshalb verdächtigt wurde mich unter Druck zu setzen und sie hatte keine Lust es immer wieder erklären zu müssen, warum das nicht so war! Sie glaubte wohl, ich wolle sie ärgern und bei anderen als Lügnerin darstellen, weil ich in der Schule doch so faul sei und Zuhause und bei Anderen plötzlich so fleißig! Ich sei “nur eine Wichtigtuerin” schimpfte sie oft und müsse “immer auffallen”! Natürlich gelang ihr das nicht und so gab sie das Verbot irgendwann auch auf…

Als unsere Verwandten und Bekannten sie nicht mehr einluden, regte sie sich furchtbar darüber auf und gab mir die Schuld an allem! Jahre später, da war ich 23, erklärten mir diese Leute, dass das nicht stimmte, dass sie mich gerne weiter eingeladen hätten, aber meine Mutter das nicht wollte! Meine Mutter war so verärgert, dass sie wohl wollte, dass ich mich mal wieder schuldig fühlte. Ich sollte spüren was für ein Freak ich war… “Lala-Kind” war noch eines der “netteren” Schimpfwörter, das sie für mich übrig hatte.

Zuhause blieb mir nichts anderes übrig, als in der Wohnung zu hocken und zu lesen. Unsere Nachbarschaft mochte keine Behinderten und so warf man manchmal sogar Sachen (z. B. Eier und sogar Steine) nach mir. Ich habe nämlich auch noch einen kaputten Rücken und gehe dadurch auch etwas komisch.

Als ich 32 wurde, machte mich endlich eine Freundin darauf aufmerksam, was mit mir los sein könnte und lieh mir ein paar Bücher. Das war so eine Erleichterung für mich, was ich da las. Viele hatten in Teilbereichen sehr ähnliches erlebt wie ich. Aus meiner Kindheit erkannte ich vieles wieder und merkte endlich, dass ich nichts falsch gemacht hatte. Ich merkte, dass ich so wie ich bin genau richtig bin und dass ich keine Mimose und auch nicht faul war. Ich kann nur einfach besser lernen, wo es ruhig ist und das ist nunmal Zuhause oder bei Bekannten im Wohnzimmer, denn da ist es in jedem Fall ruhiger, als in einer Klasse mit 15 oder 34 Schülern.

Jetzt mache ich gerade die Diagnostik mit, aber egal ob mit oder ohne Bestätigung durch einen Arzt, hat mir schon das Wissen um Asperger im Speziellen und Autismus im Allgemeinen sehr geholfen. Ich habe in der Wartezeit vor der Untersuchung viel über mich lernen können und konnte mir so ein paar Dinge überlegen, die mir helfen im Alltag besser zurecht zu kommen (z. B. immer Ohrstöpsel und Sonnenbrille mit zu nehmen, damit mir nicht so schnell alles zu viel wird) und wenn das heute noch hin und wieder mal jemand “seltsam” findet, weiß ich nun, wie ich es ihm erklären kann. Ich habe jetzt einen Namen dafür und kann mich damit gegen unfaire und falsche Unterstellungen nun auch endlich wehren! 

Ich weiß jetzt, dass ich mir meine Kräfte gut einteilen muss und so nehme ich mir zum Einkaufsbummel einfach einen Tag Urlaub und fahre vormittags, wenn nicht so viele Menschen da sind dorthin oder bestelle mir was ich haben mag einfach im Internet. Ich gehe nur noch an sehr laute Orte, wenn es sich nicht vermeiden lässt usw. Zum Beispiel steige ich dann lieber an einem kleineren Bahnhof um als am großen Hauptbahnhof usw.

Ich weiß jetzt, dass ich mich für mein Anderssein nicht (mehr) schämen muss und habe Wege gefunden, wie ich besser mit NTs ins Gespräch komme und wann ich es lieber lasse. 

Unser Autismus macht uns anders, aber dieses Anderssein macht uns nicht weniger oder mehr wertvoll als andere Menschen. Auch bei NTs kann nicht jeder alles gleich gut oder schlecht. Was ich gut am Autismus finde, ist dass ich mit anderen Menschen über stark emotional geprägte Themen sprechen kann, ohne dass ich mich zu stark mit der einen oder anderen Seite identifiziere. Ich kann gut rational und logisch argumentieren. Deswegen kann ich gut sachlich bleiben und mich an die Fakten halten und dadurch kann ich gut Streit in sachbezogenen Debatten schlichten. Ich kann die Leute wieder gut “zurück auf den Boden” holen, damit etwas noch geklärt werden kann und manchmal bringe ich die Menschen damit sehr zum Nachdenken. Ich kann gut neuartige oder ungewöhnliche Perspektiven in Themen vermitteln und den Menschen zeigen, dass vieles gar nicht so selbstverständlich ist, wie oft geglaubt wird. Wenn man mich lässt… Ich weiß auch, warum ich mit Smalltalk nie viel anfangen konnte und warte deshalb nun den Zeitpunkt ab, wenn NTs von Smalltalk auf ein Sachthema wechseln.

Mein gutes Allgemeinwissen hilft mir jetzt sogar und ich kann auch spät noch gut in eine Sachdiskussion einsteigen, indem ich eine Anekdote einwerfe, die weniger bekannt ist. Bei Themen die für NTs emotional schwierig sind (z. B. Unglück oder Tod, Sexualität, Glaube, Gefühle usw), halte ich mich lieber noch etwas zurück und höre lange nur zu bevor ich vielleicht was sage. Wenn ich unsicher bin, was ich sagen könnte, sage ich, dass mir dazu im Moment die richtigen Worte fehlen. So zeige ich zumindest, dass ich Anteil nehme und den anderen nicht ignoriere!

Das sind alles Dinge, die mir erst durch die Beschäftigung mit dem Thema Autismus bewusst geworden sind und die ich sonst wohl zum Teil nie gelernt hätte! Das Wissen um mein Anderssein hat mir da sehr geholfen und mir Chancen gezeigt, die ich sonst nie gesehen hätte. Das wünsche ich auch dir, kleiner Indianer. Apropos: In vielen Indianerstämmen und anderen Stammeskulturen geht man ganz anders mit Andersartigkeit um, da sind Leute wie wir oder andere “seltsame Gestalten” zum Teil hoch geachtete Menschen und sogar Medizinmänner bzw. Schamanen. Man glaubt dort, dass gerade der schwierige Lebensweg dieser Menschen ihnen die Erfahrung, Weisheit und Kraft vermittelt, die sie brauchen um dem Stamm gut dienen zu können! Da gehören Menschen wie wir von Anfang an dazu und oft wünsche ich mir, dass unsere moderne Gesellschaft das anerkennt und lernt, was man davon lernen kann. Wir Autisten können unserer Gesellschaft vieles bieten, wenn man uns denn lässt!!!

MITTWOCH, APRIL 29, 2015

Brief von einem der jüngeren Sorte an den großen Autisten :)

Hallo du großer Autist,

ich bin 18 Jahre alt und lebe in Hamburg. Ich bekam vor etwa 2 Jahren die Diagnose auf hochfunktionalen Autismus.

Da ich mich nicht genau daran erinnern kann, wie es mit genau 10 Jahren war, erzähle ich ein wenig aus meiner Kindheit allgemein.

Im Jahre 2000, da war ich 3 Jahre alt, bekam meine Mutter ihren ersten PC. Ich saß seit dem sehr viel am PC und wusste schnell mehr darüber als meine Mutter. Im Kindergarten habe ich mich am liebsten mit den Erwachsenen unterhalten, und gerne die Liederbücher gelesen. Ja, ich konnte mit 3 Jahren schon lesen, schreiben und rechnen, ich habe es mir selber beigebracht.

Ich habe den Erziehern im Kindergarten sogar beigebracht, wie die Computer funktioneren :D

In der Schule wurde ich erstaunlicherweise nie direkt gehänselt oder gemobbt, ob man über mich gelästert hat, wusste ich nicht, da ich so etwas nie mitbekomme. Meine Mutter und Lehrer haben zu mir gesagt, dass die anderen Schüler mich dafür beneidet haben, dass ich immer sehr gute Noten hatte, obwohl ich nie wirklich gelernt hatte. In meinen Zeugnissen, die in der Grundschule noch ohne Noten, sondern in reiner Textform waren, stand immer drin, dass ich doch auch mit anderen Mitschülern was tun soll und nicht nur bei den Lehrern rumhängen soll.

Die Grundschule war ziemlich langweilig. Ich brauchte nie lernen und mein Spezialinteresse waren Fahrpläne. Der beste Tag war, wenn das neue Fahrplanbuch herauskam, ich habe es geliebt, das Buch zu studieren. Ich habe mir auch immer vorgestellt, wie ich die Strecken der Bahnen und Busse langfahre, bzw. tue es immer noch.

Was ich allerdings gehasst habe, waren Geburtstagspartys. Wenn alles vorbei war, habe ich immer einen Nervenzusammenbruch bekommen und konnte einfach nicht mehr.

Ach ja, Hausaufgaben habe ich nie gemacht, zumal es in meiner Grundschule verboten war, bis zur 2. Klasse Hausaufgaben aufzugeben.

In der weiterführenden Schule lief es dann besser. Ich fand meinen ersten Freund, den ich immer noch habe, und konnte mit ihm vieles machen. Wir haben uns vorgestellt, dass wir auf einem Raumschiff sind und vieles weitere.

Gib nicht auf, du schaffst es! Ich zum Beispiel habe am Anfang der weiterführenden Schule einen Nervenzusammenbruch bekommen, wenn ich vor der Klasse stehen musste. Jetzt mag ich es gerne, anderen zu erzählen, was ich weiß :)

Meine Lieblingsfächer waren immer schon Mathe, Naturwissenschaften und Sprachen, wobei mir bei den Sprachen nur die Rechtschreibung, Grammatik etc. gefällt, Aufsätze hasse ich, da ich nicht unter Druck etwas schreiben kann. Auch ein Grund, warum ich nie Hausaufgaben mache.

Ich bin mir sicher, dass du als Erwachsener es auf jeden Fall leichter hast als jetzt und du es zu etwas bringen wirst!

Autismus ist nichts, wofür man sich schämen muss. Meiner Meinung nach ist Autismus genauso normal wie Nicht-Autismus, jeder Mensch verarbeitet Sachen auf unterschiedliche Weise, die einen haben mit einer Sache viele Probleme, die anderen haben dort ihre Stärken und haben woanders Probleme.

Auf gar keinen Fall sollst du denken, dass du falsch bist. Es ist meiner Meinung nach das genaue Gegenteil: Du akzeptierst die Nicht-Autisten in deiner Umgebung, sie dich aber nicht, deshalb bist du eigentlich der bessere. Allerdings kann man die anderen Kinder nicht beschuldigen, sie machen das ausgrenzen teilweise nicht mutwillig, sondern haben das von ihrem Elternhaus aus mitbekommen, wenn auch unbewusst.

Du wirst auf jeden Fall Freunde finden und bestimmt auch mal einen Partner fürs Leben finden, ich bin jetzt seit 1,5 Jahren mit meinem Freund zusammen, der selber Autist ist :)

Du schaffst es, ich glaube an dich und viele weitere auch, wie die anderen Briefe zeigen :)

Liebe Grüße,

Sidney (Twitter @autinerd)

Hallo! Ich freu mich, daß ich Dir schreiben darf. Ich bin schon weit über 10, nämlich bald 50 Jahre alt.

Als ich 10 war, wußte noch niemand was über Autismus. Ich nicht, meine Eltern nicht, nicht mal Lehrer oder Kinderärzte. Meine Eltern haben sich nicht mal groß gekümmert, ob und wie ich zurecht komme. Sie hatten wenig Zeit. Das war auch gut so, denn niemand hat von mir verlangt, zu lernen oder mich “normal"zu verhalten, und niemand war mit mir unzufrieden. Ich hatte gute Noten, das war genug. Und schüchtern, wie ich war, sind viele. Solang ich in der Grundschule war, war ich auch nicht allein. Ich war automatisch mit den Kindern aus der Nachbarschaft zusammen, wir teilten einen Hof.

Erst als ich ins Gymnasium kam, war ich allein. Ich kam ohne Bekannte in eine neue Klasse, und ich hatte nie gelernt, Freunde zu finden. Ich war unglaublich allein, jahrelang. Jeden Nachmittag. Ich ging zur Schule, ich fuhr nach Hause. Sonst: nichts. Manche versuchten, mit mir Freundschaft zu schließen, ich hab es gar nicht bemerkt. Vielleicht haben mich manche ausgelacht, ich hab es nicht bemerkt. Gut und schlecht.

Ein paar Lehrer kannten nicht einmal meinen Namen. Andere Lehrer mochten mich: ich war brav und hab alles verstanden.

Eine Zeit lang hat mir das Alleinsein schon was ausgemacht. Ich versuchte manchmal, mit den anderen Mädchen zu reden und auch witzig zu sein, aber es ging total schief, und ich war noch mehr allein. Ich war oft sehr traurig und dachte immer, ich bin halt blöd.

Aber zuhause langweilig war mir nie. Ich hab soviel gemacht: gezeichnet, geschrieben (erfundene Geschichten), ich hab mir Notenlesen und Instrumente beigebracht. Gab ja noch keine PCs und keine Konsolen. Viele Autisten können das: ganz allein etwas lernen, so daß man es es wirklich gut kann, und viele Autisten haben ein riesiges Wissen und ein Spitzen-Gedächtnis.

Ich lernte auch Gitarre, und als ich doch mal gefragt wurde, ob ich in einer Kirchenband mitmachen will, hab ich mich getraut und Ja gesagt. Später hab ich mich dann im Sport und im Naturschutzverein einfach an andere "drangehängt” und mit der Zeit wenigstens ein paar Bekannte gefunden. Und die mögen mich auch. Weil ich nett bin, ich verarsche niemand und lüge nicht herum. Weil ich viel weiß und gerne helfe.

Ein langer Weg aus der Einsamkeit, und du schaffst ihn auch. Lass dir bloß nix ausreden! Man kann soviel, auch wenn andere das erst nicht glauben.

Deswegen hab ich Dir ein Bild mitgebracht:

dannkameinerTschüß + mach`s gut!