Liebe Besucher meiner Hompage,

Auf dieser Seite möchte ich Sie bitten, mit mir zu diskutieren. Teilen Sie ihren Standpunkt zum Thema Autismus-Spektrum-Störung (ASS), ADHS usw. mit, regen Sie durch Ihren Beitrag die Diskussion zu diesen Themen an. Auch Ihre Erfahrungen hinsichtlich der Förder- und Unterstützungsmöglichkeiten sind von Interesse! Gerne nehme ich auch Ihre Kritik, positiv wie negativ, mit auf. Dies kann und soll selbstverständlich auch meine Person betreffen.

Ich möchte Sie allerding darum bitten, in konstruktiven Stil Ihre Meinung zu äußern, besten Dank!

Ihren Beitrag senden Sie mir bitte per eMail an: bernd.guenther@iboservice.de

 

Autismus: Krankheit oder eine Variation der Evolution?

Mein Standpunkt zur Diskussion

In meiner täglichen Arbeit an den Schulen in Rheinland-Pfalz befasse ich mich seit Jahren sehr viel mit dem Thema „Autismus bei Kindern und Jugendlichen“ (aber auch deren Eltern!). Die heute sinnvoller Weise „Autismus-Spektrum-Störung“ genannte Wahrnehmungs- und Kommunikationsstörung, welche besondere Herausforderungen an die Eltern und die Schulen, aber besonders an die  betroffenen Kinder stellt, ist immer noch nicht medizinisch abschließend geklärt. Die genetische Disposition ist durch moderne Verfahren der bildgebenden Diagnostik gut belegt, viele andere Fragen sind weiterhin noch offen.

Wir haben heute zwei Blickrichtungen auf die ASS: Die dominierende Sichtweise ist die pathologische Betrachtung eines Krankheitsbildes. Dominierend auch deshalb, weil mit einer entsprechenden Diagnostik („ADOS“, ADI-R“) Hilfen für die betroffenen Kinder möglich werden, vom schulischen Nachteilsausgleich mit den dann anzupassenden methodisch-didaktischen Hilfestellungen, über Inklusionshilfen im Unterricht, Fördermaßnahmen in Facheinrichtungen usw. Diese Hilfen werden finanziert, z.B. im Rahmen des § 35a SGB VIII (Stichwort: Beeinträchtigung der Teilhabe). Das Kind ist also aus medizinischer Sicht „beeinträchtigt“, festgeschrieben im ICD 10 der WHO als „tiefgreifende Entwicklungsstörung“.

Viele Eltern finden in dieser Diagnose endlich eine Erklärung dafür, warum es denn so problematisch mit ihrem Kind sowohl in der Schule als auch im Elternhaus ist. Sie finden sich mit dem pathologischen Erklärungsmodel, welches immer die „Störung“ sieht, ab. Dieses „Störungsmodel“ ist jedoch durchgängig defizitär. Es betrachtet all das, was diese Kinder nicht können, bzw. von dem angenommen wird, dass sie es nicht können: wenig bis keine Emphatie, kein Selbst- und Fremdbild, Kommunikationsschwierigkeiten, „Kontextblindheit“, die mangelnde Fähigkeit, Reize differenziert zu filtern, usw.

Demgegenüber steht das Konzept der Neurodiversität, welche unsere neurologische Vielfalt betont und atypische neurologische Entwicklungen als normal betrachtet. Dies gilt übrigens auch für die pathologischen Krankheitsbilder wie Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, Dyslexie, Tourette-Syndrom und viele weitere, im ICD 10 beschriebene „Defizite“.

Die evolutionäre Entwicklung unseres menschlichen Gehirns „produziert“ neurologische Vielfalt. Atypische neurologische Entwicklungen sind demnach normale menschliche Unterschiede. Das Konzept der Neurodiversität umfasst alle Menschen, es betrachtet die neurologisch atypischen Menschen nicht als Problem sondern als Minderheit, mit ihren individuellen Stärken. Es kommt weg von der Stigmatisierung dieser Menschen und plädiert auf Teilhabe auf der Grundlage der Akzeptanz von Vielfalt menschlichen Seins.

Hiermit steht dieses Konzept der pathologischen Diskussion diamentral entgegen.

(In dem lesenswerten Buch von Steve Silbermann (Geniale Störung: Die geheime Geschichte des Autismus und warum wir Menschen brauchen, die anders denken. DUMONT Buchverlag, 2016, ISBN 978-3-8321-8925-0) wird von der „Störung der Ingenieure“ gesprochen.)

Die Frage ist - aus evolutionärer Sicht - noch nicht beantwortet, welche neurologische Entwicklung sich langfristig durchsetzen wird. Wer wird sich an die Anforderungen einer immer digitaler werdenden Welt eher anpassen können? An eine Welt, in der immer weniger direkt persönlich auch per Augenkontakt kommuniziert wird, sondern vorwiegend mit digitaler technischer Unterstützung über große Distanzen Informationen ausgetauscht werden.

Wie dem auch sei: Ich plädiere sehr für das Konzept der neurologischen Vielfalt, weil hierdurch der Mensch mit seinen Stärken und Ressourcen betrachtet werden kann. Etwas augenzwinkernd sei hinzugefügt, dass durch die stetig wachsende Anzahl der ASS-positiven Diagnosen durchaus die Frage erlaubt sein kann, wer denn hier die „neurologische Minderheit“ ist oder zukünftig sein wird.

Ich würde hierzu sehr gerne die Diskussion eröffnen!

 

 

Dr. Michael Umlauff

Lieber Herr Günther,

da haben Sie ja eine spannende Diskussion angestoßen. Zunächst ist grundsätzlich die Frage zu stellen, ob ein ASS-, ADHS- oder Tourette-Betroffener besser oder schlechter mit digitalen Medien und den damit verbundenen Anforderungen umgehen kann. Dies können Sie wohl besser beantworten als ich.

Aber selbst wenn es hier eindeutige Antworten geben sollte, bestreite ich, dass dies irgendwelche Auswirkungen auf die menschliche Evolution hat, also welche neurologische Disposition sich durchsetzt. Dazu genügt ein einfaches Gedankenexperiment: Angenommen, es gäbe im Hinblick auf die beschriebene neurologische Diversität eine definierte Gruppe, die besonders gut mit der digitalen Welt zurecht kommt. Sie bildet also insofern eine gewisse Elite. Nach der Darwinschen Lehre könnte man nun auf die Idee kommen, dass diese Gruppe sich evolutionär durchsetzt.

 

Allerdings befinden wir uns nicht mehr in freier Wildbahn, sondern in einer hochentwickelten, sozial abgefederten menschlichen Gesellschaft. Kein Mensch in Deutschland muss mangels Anpassung, Begabung, Stärke o. Ä. verhungern, und dies ist gut so. Allerdings haben wir, im Nebeneffekt, die Darwinschen Regeln für unsere Spezies außer Kraft gesetzt. Ein nicht angepasstes, krankes oder schwaches Tier erhält keine Gelegenheit zur Fortpflanzung, und gibt seine ungünstigen genetischen Anlagen damit nicht weiter. Ein ebensolcher Mensch unterliegt nicht dieser Beschränkung. Erfolg oder Mißerfolg entscheiden in unserer menschlichen Gesellschaft nicht über die Anzahl der Nachkommen. Es ist im Gegenteil sogar so, dass sich die etwa die obere Mittelschaft signifikant weniger reproduziert als der Durchschnitt. Insbesondere Frauen mit akademischer Ausbildung bleiben in einigen Jahrgängen bis zu 40% kinderlos.

 

Um also den Kreis zu schließen: Die Fähigkeiten im Umgang mit der digitalen Welt, welche sicherlich über beruflichen und sozialen Erfolg entscheiden können, führen meiner Einschätzung nach nicht dazu, dass sich eine bestimmte neurologische Disposition durchsetzen wird.

 

Vielleicht findet sich in dieser Rubrik ja eine überzeugende Gegenrede?

 

Freundliche Grüße

 

Dr. Michael Umlauff

 

 

 

 

Dr. Ralf Hickethier

 

Lieber Freund und Kollege Bernd, ist es überhaupt sinnvoll, über so ein Thema zu diskutieren? Jeder hat doch sowieso auf seine Weise irgendwie recht. Es gibt ein Kriterium, das mir hilft: Nutzt eine bestimmte Auffassung oder „Theorie“ der Liebe oder nicht. (Christen würden sagen: Ich habe ein Kriterium, Jesus Christus, danach richte ich mein Denken aus.)

Liebe ist für mich Beziehungsfähigkeit, also auch die Fähigkeit, anderen Menschen zu vertrauen und sich ihnen auszuliefern. Das tun wir ja schon, wenn wir in ein Verkehrsmittel einsteigen. Wer sagt uns denn, dass sein Fahrer oder Pilot nicht verrückt ist und möglichst viele mit in seinen Tod reißen will? (Das war ja nun tatsächlich mit dem Absturz des Airbus in den französischen Alpen geschehen.) Das ist mal wirklich alternativlos: Mit Vertrauen geht ein Leben vielleicht manchmal schief, aber ohne Vertrauen geht es gar nicht. Wie oft habe ich schon etwas gegessen, in das heimtückisch und boshaft vorher gespuckt wurde oder in das der Schleim eines gehörigen Schnupfens „einverarbeitet“ wurde? (Ich habe einmal ein Video gesehen, wie das ein Bäcker tut.) So etwas muss man vergessen können, sonst sind wir nicht lebensfähig, können nie wieder vertrauen, kaufen uns niemals wieder ein Brot. Zum Glück bin ich vergesslich.

Wenn „Autismus“ in unserer Gesellschaft – auch und meiner Meinung nach primär – als Beziehungs- und Vertrauensunfähigkeit immer mehr zunimmt, dann suche ich dafür nicht zuerst mehr oder weniger geheimnisvolle neurologische Ursachen, dann frage ich mich doch zuerst: Wie tickt eine Gesellschaft, dass das so massenweise zunimmt?

Mich stört das „ordentliche“ Aufteilen des menschlichen Verhaltens in angeblich krankhaftes bzw. von Natur aus behindertes oder gesundes, in medizinisch oder pädagogisch zu behandelndes. Ordnungssinn ist gut und wichtig, ich selbst plädiere für ihn, vor allem im Sinn einer „Ordnung der Liebe“, die Familien Halt und Struktur gibt. Aber an dieser Stelle wird das kontraproduktiv, führt es dazu, dass ein Verhalten, das von den genetischen Koordinaten her nun einmal biologisch so gegeben sei, das man also nicht ändern, sondern nur so akzeptieren und annehmen könne, wie es ist, sich gerade erst durch diesen „gläubigen“ Grundrespekt vor der einmal vorhandenen Individualität im Alltag einer Gesellschaft, z.B. dem familiären oder schulischen, massenweise ausbreiten kann, bevor es dann aufwändig und einzeln medizinisch therapiert wird.

Also: Nicht vererbte oder angeborene neurologische Schwierigkeiten führen primär zu Problemen im Sozialen, sondern ein problematisches, distanziertes, und ich-orientiertes Miteinanderumgehen in den westlichen Gesellschaften verhindert, dass genetische Schwachstellen, die es immer auf allen Gebieten gibt, beim „Nachreifen“ des jungen Menschen, der zu früh in die Welt entlassen wurde, durch seine Erziehung in der Kindheit ausgeglichen werden können. Erziehung findet ja gar nicht mehr statt, es handelt sich anstatt dessen um ein begleitendes Hergehen hinter dem, wie ein Mensch nun einmal sei. Diese Erziehungsphilosophie prägt unsere Kinder, und sie hat viel mit „Autismus“ zu tun, der dann und dadurch auch zum „Pseudoautismus“ wird.

In den Wohlstandsgesellschaften nehmen die erlernten Krankheiten zu

Selbst wenn Autismus primär biologisch bedingt wäre, wobei ja die Übergänge zwischen „normal“ und „gestört“ sehr fließend sind, fällt er doch nicht vom Himmel und ist plötzlich da, erst recht dann nicht, wenn er in einer bestimmten Zeit so massenhaft zunimmt wie heute bei uns auch ADHS oder „Burnout“.

Entwicklungsstörungen mit und ohne Krankheitswert, auch und erst recht psychische, spiegeln immer die Art wider, wie Menschen in einer Gesellschaft miteinander umgehen. Natürlich entstehen sie auch aus vererbten Anlagen heraus, aber dann sind sie, abgesehen von regelrechten Beschädigungen auch in der Schwangerschaft oder bei der Geburt, immer noch ein Widerhall dessen, wie Menschen früher, in vergangenen Generationen miteinander umgingen, vielleicht umgehen mussten, weil ihnen Kriege oder andere existentielle Nöte keine andere Wahl ließen.

Jeder lebt hier bei uns immer mehr für sich selbst

Ich behaupte: Wir leben in Deutschland, vielleicht in den westlichen Gesellschaften insgesamt (was ich nicht so gut beurteilen kann), zunehmend in einer Kultur der Unberührbarkeit: Es gibt hier immer mehr, die nicht berührt werden wollen bzw. die sich nicht trauen, einen Menschen, mit dem sie zusammen leben, zu berühren, sogar dann nicht, wenn sie für ihn verantwortlich sind. Das gilt im körperlichen Sinn für Familienangehörige. Es trifft im übertragenen Sinn aber auch auf andere Gemeinschaften, z.B. eines Hauses, einer übersichtlichen kleinen Straße oder eines Dorfes zu.

Mir kommt über die Straße eine alte Frau entgegen. Sie schimpft laut, so dass ich mich frage, was sie gegen mich auszusetzen hätte. Beim Näherkommen merke ich, dass sie im Selbstgespräch eine Demütigung verarbeiten wollte: „Haben es nicht nötig, mich zu grüßen, im eigenen Haus! Naja, wenn man eine alte Rentnerin ist, nichts mehr zu sagen hat, kein Wunder…“

So versuchte sie sich selbst zu beruhigen und abzufinden damit, was sie so bedrückte: Die anderen gehen verschlossen an mir vorbei. Sie sind nicht bereit, eine Beziehung zu mir aufzunehmen, obwohl ich sie erwartungsvoll ansehe, sie sogar selbst schon zuerst gegrüßt habe, obwohl sie doch meine Enkel sein könnten.

Lebenswichtige körperliche Berührungen werden tabuisiert

Wie katastrophal diese Entwicklung ist, wird mir deutlich, wenn ich in alten Erzählungen lese, wie das früher in Deutschland war, vor über 100 Jahren, z.B. bei Thomas Mann in seiner Novelle „Tonio Kröger“. Sie wurde erstmals 1903 veröffentlicht: Es geht um zwei größere Jungen, Tonio und Hans, Söhne angesehener Bürger, „die öffentliche Ämter bekleideten und mächtig waren in der Stadt“.

An dieser Stelle der Erzählung befinden sie sich auf dem Heimweg von der Schule nach Hause:

„Beständig mussten die Freunde, der vielen Bekannten wegen, die Mützen herunternehmen, ja, von manchen Leuten wurden die Vierzehnjährigen zuerst gegrüßt…“ Das scheint für Jungen dieses Alters im Verhältnis zu Erwachsenen, offenbar auch „niederen Standes“, nicht üblich gewesen zu sein, denn Thomas Mann erwähnt es staunend.

Die Erklärung hatte er kurz zuvor mit der hohen Stellung ihrer Väter geliefert. Vier Seiten weiter heißt es zu dem hübschen Hans:

„… Auf der Straße hielten ihn Herren und Damen an, fassten ihn an dem Schopfe bastblonden Haares, der unter seiner dänischen Schiffermütze hervorquoll, und sagten: ‚Guten Tag, Hans Hansen, mit deinem netten Schopf! Bist du noch Primus? Grüß Papa und Mama, mein prächtiger Junge…’“

Stellen Sie sich das heute einmal vor: Sie kennen einen 14-jährigen Schuljungen flüchtig von einer Bekanntschaft mit seinen Eltern, begegnen ihm auf der Straße und wuscheln freundlich seine Haare, während Sie einen schönen Gruß an seine Eltern ausrichten und dann sagen Sie vielleicht noch „mein Junge“ zu ihm. (Gut, ein 14-Jähriger um 1900 entspricht von seiner körperlichen Entwicklung einem heute 12-Jährigen, aber auch einem Jungen in diesem Alter könnte das Beschriebene heute in Deutschland absolut nicht passieren. Er müsste schon, sagen wir, fünf Jahre alt sein, und die Erwachsenen, die ihm die Haare wuscheln, müssten gute Freunde seiner Eltern sein. Mir geht es jetzt gar nicht darum, was besser oder schlechter ist, sondern um die Beschreibung erstaunlicher Entwicklungen.)

Daran dass das heute absolut unmöglich wäre, sehen Sie, in welch distanzierten Gesellschaft wir leben, in der jeder seins macht und einen Kreis der Unberührbarkeit um sich zieht.

Und das in einer Zeit, in der es fast keine Tabus mehr gibt. („Schon um 15 Uhr Titten auf RTL“ heißt es in einem Lied, pardon: „Song“.) Aber ein Kind oder einen Jugendlichen freundlich bei der Begrüßung zu berühren, geht heute „gar nicht“, inzwischen sogar für nicht wenige ihrer eigenen Eltern; für Lehrer und andere erwachsene Bezugspersonen sowieso. Das Misstrauen dominiert, es könnte sich ja um die Anbahnung eines sexuellen Missbrauchs handeln.

Dieser Gedanke ist ansteckend in einer total sexualisierten Gesellschaft. Vor lauter Angst davor wird Kindern eine Lebensgrundlage genommen, denn sie sind angewiesen auf Berührungen wie eine Pflanze auf das Licht.

Alles, was unberührt, „unangetastet“ bleibt, stirbt. Das ist ein Grundgesetz des Lebens, zumindest für höhere Säugetiere.

Topp, die Wette gilt

Dass Kinder und Jugendliche heute anders sind als vor 100 Jahren, ist logisch. Aber nicht jede Entwicklung ist eine Verbesserung und bestimmt ist es auch nicht gut, für alles, was Schwierigkeiten macht, sofort ein Zauberwort parat zu haben, das angeblich alles erklärt: „Pubertät“, „Autismus“ oder „ADHS“. Ich glaube, da steckt mehr dahinter, nämlich unsere ganze Lebensweise.

Jeder Zeitgeist hat seine Vor- und Nachteile. Die Gesellschaften, die den Einzelnen durchaus zur Geltung kommen lassen, das aber im Rahmen des Primats der Gemeinschaft, so wie mir das z.B. in China zunehmend der Fall zu sein scheint, werden sich als lebensfähiger erweisen als die Gesellschaften, die das Primat auf die Interessen und Ansprüche jedes einzelnen Individuums legen.

Topp, die Wette gilt, schauen wir in 20 Jahren, ob ich Recht hatte.

Die Erziehungsphilosophie, die zu unserem Individualismus gehört, lautet: Kind, pass ja auf, dass du nicht zu kurz kommst! Prüfe genau – am besten mit deinen Eltern zusammen -, ob dir nicht etwa etwas vorenthalten wird, das dir zusteht. „Früher“ war es umgedreht:

Da prüften die verantwortlichen Erwachsenen, ob ihr Kind den Anforderungen seiner Welt gerecht wird, ob es sich zum Beispiel „benehmen“ konnte, so weit das seinem Alter entsprach. Und wenn nicht, wurde es korrigiert und das richtige Verhalten eingeübt, idealer Weise von mehreren Erwachsenen, die für das Kind wichtig waren, gemeinsam bzw. gleichzeitig.

Heute wird seufzend mit den Achseln gezuckt, es sei halt ein Kind, und er hätte eben ASS, ADHS oder die Pubertät, von dem könne man keine Rücksicht erwarten. Helfen könne höchstens eine komplizierte und teure psychologische Therapie.

Das Klavier wird an den Hocker gerückt“,

die ganze große Welt soll sich in Deutschland mehr zu den persönlichen Besonderheiten jedes Einzelnen, insbesondere wenn er noch Kind oder Jugendlicher ist, herunterbeugen als dass dieser aufgefordert wird, sich nach seiner Welt auszustrecken.

Kinder und Jugendliche werden bei uns bestärkt, bei allem, was sie tun, sich nach innen auf sich selbst auszurichten: Will ich das jetzt überhaupt? Gefällt es mir? Macht es mir Spaß? Das ist ein grandioses Trainingsprogramm zu „autistischer“ Beziehungsunfähigkeit, zum So-Bleiben, wie ein Einzelner „nun einmal“ sei.

Dabei entwickelt und verändert sich ein Mensch nie wieder so stark, wie wenn er jung ist. Er braucht dazu allerdings ein Bild, wohin er sich entwickeln soll. Es muss eine Vision sein, die über das eigene Ich hinausweist. Sie wird ihm in Deutschland zunehmend mehr vorenthalten, weil die Kinder angeblich selbst, aus ihrem eigenen Inneren heraus am besten wüssten, was gut für sie ist und wonach sie streben sollen.

So müssen sie „bei sich“, auf ihrem bisherigen Entwicklungsniveau bleiben; hoffnungsvolle Triebe, die sich suchend in die Welt erheben, finden zu wenig Halt zum Fortranken: Viele von ihnen müssen sich deswegen wieder zurückkrümmen und um sich selbst wickeln.

Beispiel Schönschrift

Ich z.B. sollte als Kind, das Ende der Fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in Brandenburg/Havel in die Schule kam, meine persönliche Schrift auf eine gesellschaftlich normierte Schönschrift ausrichten. Dadurch konnte ich mich entwickeln, ich musste nicht bei mir, meiner ursprünglichen Krakelei bleiben. Heute ist es in Deutschland umgedreht:

Die gesellschaftlich normierte Schrift, zumindest und zuerst als Schön- und Schreibschrift, löst sich zugunsten einer Unzahl privat-individueller Schreibduktusse auf. Was dabei langsam und unsicher verloren geht, ist die Möglichkeit und Fähigkeit, Beziehungen von Seele zu Seele herzustellen. Jeder bleibt bei sich, bis nicht einmal mehr er selbst seine eigene Schrift entziffern kann. Individualität unangetastet, Beziehung tot.

Die Ironie des Schicksals, einer der größten Treppenwitze der Pädagogik, ist, dass dann auch die Individualität stirbt. Sie kann nicht aus sich selbst heraus wachsen, sondern nur in der Auseinandersetzung mit anderen Individualitäten.

Alles in Allem, lieber Bernd: Eine abstrakte, distanzierte „autistische“ Art ist vielleicht eine neurologische Variante der Informationsverarbeitung, die besser zur neuen, digitalen Zeit passt als die, die lieber im nahen, vertrauensvoll körperlichen Kontakt erfolgt. Aber sie hat meiner Meinung nach das Hauptthema des Lebens verfehlt: Die Liebe, und zwar nicht, weil die „Autisten“ daran schuld sind, sondern weil die, die sie trotzdem hätten erziehen sollen, die gemeinschaftlich besonders fürsorglich und geduldig immer wieder Beziehungen mit ihren Ritualen, auch körperlichen, hätten gestalten müssen, sich zu sehr vermeintlichen Realitäten angepasst haben, auch aus Liebe, weil sie die Eigenart der Persönlichkeit ihres Kindes nicht „brechen“ wollten.

Aus simplen Kleinigkeiten entsteht die Liebe, und da muss auch mal die Unfähig- und Unwilligkeit, sich am Mitmenschen auszurichten, z.B. auf einen anderen zu warten, „gebrochen“ oder unterbrochen werden: Wer beim Frühstück als Kind nicht zum anderen hinschauen musste, ob er überhaupt schon da ist und was er vielleicht noch braucht, und anstatt dessen, nur sein Eigenes (Appetit und Hunger) wahrnehmend, anfängt zu essen, und immer wieder so erzogen wird, wird später nicht lieben können. Er kann dann zum anderen nicht hinsehen, weder lustvoll noch pflichtbewusst. Dieser Gefahr unserer Zeit sollten wir uns bewusst werden, gerade, wenn der Stil der Zeit ein beziehungsloses Nebeneinanderherleben begünstigt.

 

 

(Besuchen Sie auch die Hompage von Dr. Hickethier: http://ralfhickethier.de/?page_id=31 )

 

 
 

 

 

 

Wehret den Anfängen!

 

Wie überlebe ich durch solides Handwerk den Lehrerberuf?

 

Von Bernd Günther 

 

 

„Classroom-Management“ und „Disziplin-Management“ haben Konjunktur. (Dass der Blick auf den Klassenraum zu eng ist und dass es um ein klassenübergreifendes, schulbezogenes Management gehen muss, soll noch gezeigt werden) Dies ist sicher kein Zufall. Und wenn man dem Schulpsychologen Gustav Keller folgt, beträgt der störungsbedingte Ausfall an den Schulen etwa 35 Prozent der Unterrichtszeit. Das sind ca. 15 Minuten einer jeden Unterrichtstunde, die verloren ist. Er rechnet uns vor, dass jede Unterrichtsstunde die Allgemeinheit etwa 95,00 Euro kostet. Insgesamt gehen also der Gesellschaft knapp 17 Milliarden Euro nur durch störungsbedingten Ausfall verloren, eine schier unglaubliche Zahl!

 

Als ich 1976 meine erste Schulklasse unterrichtete - das ist nun beinahe 40 Jahre her -, konnte ich nicht ahnen, welche schroffen Gebirge ich einmal durchschreiten würde. Es waren zunächst die Täler, die mich aus meinem Traum rissen. Ich träumte davon, dass mir aufgeschlossene junge Menschen die Worte von den Lippen reißen würden, weil sie ja wissbegierig und interessiert seien. Stattdessen traf ich auch schon 1976 auf wenige Schüler, welche gern lernten und einen deutlich größeren Teil, der sich gern mit sich selbst und anderen Dingen befasste, nur nicht mit meinem Unterricht.

 

Dieser jähe Fall aus dem pädagogischen Olymp in die Gosse der platten und ernüchternden Schulrealität zerrte an meinem Ego. Wenn ich dann hilfesuchend die Alten in dieser Branche um Hilfe bat, erreichte mich unmittelbar die zweite Welle der Ernüchterung: Entweder sah ich in völlig desillusionierte Augen, aus denen nur noch die Hoffnung sprach, dass „man es ja bald geschafft habe…, noch 4 Jahre! …“, oder ich erfuhr so ganz nebenbei und zufällig, dass Wodka durchaus auch ein Mittel sein kann, um nicht alles so dicht an sich heranlassen zu müssen. Dieses erste Jahr, mit all seinen Erwartungen, Träumen und Wünschen auf der einen Seite und mit der Ernüchterung und Frustration auf der anderen Seite machte mir damals schwer zu schaffen.

 

Es ließ mich nicht ruhen, regte mich auf und erschöpfte mich total. Ich griff zu Beruhigungsmitteln für den Tag und Beruhigungsmittel für die Nacht. Im ersten Jahr schon ausgebrannt? Wie soll das enden? Hatte ich falsche Vorstellungen vom Beruf? Wurde ich auf die Schulrealität nicht richtig vorbereitet? Was machte ich falsch? Ich hatte doch im Studium Pädagogik und Psychologie noch dazu mit „sehr gut“ abgeschlossen. All diese Gedanken gingen mir damals durch den Kopf und die Sorge, diesen Beruf keine 10 Jahre aushalten zu können.

 

Nun sind es also beinahe 40 Jahre, in denen ich im pädagogischen Feld tätig bin. Ich arbeitete an der Schule, in der Berufsausbildung, in der Erwachsenenqualifizierung, gründete meine eigene Privatschule. Es waren unter meinen Schülern Hochbegabte, Lernbeeinträchtigte, Verhaltensgestörte, seelisch Behinderte. Wenn ich von meinen Schülern spreche, dann meine ich eine Altersspanne von 6 Jahren bis  beinahe 60 Jahren. All’ diese Altersgruppen durfte ich beschulen und: Ich habe es überlebt! Noch besser: Ich bin dabei psychisch und physisch gesund geblieben. Warum dies so gelang, nach diesem für mich frustrierenden Anfang, darüber möchte ich mit Ihnen nachdenken und eventuell den einen oder anderen verwertbaren Hinweis geben.

 

Ich möchte also für Sie MEINEN WERKZEUGKOFFER öffnen. Leider ist es nicht möglich, diesen Werkzeugkoffer irgendwo zu erwerben. Ich kann ihn auch nicht per UPS an Ihre Adresse senden. Er hat ganz speziell etwas mit mir zu tun, es sind meine Werkzeuge, welche ich über die langen Berufsjahre gesammelt habe. Vieles von dem, was mein Werkzeuginventar betraf, habe ich in den ersten Berufsjahren aus purer Verzweiflung von anderen Kolleginnen und Kollegen geklaut. Dies nützte mir damals sehr und brachte mich über die geschilderten ersten dramatischen Berufsjahre. Und ich stahl mit Augen und Ohren auf Teufel komm raus! Was ich aber erst später bemerkte: Diese Gerätschaften lagen nicht gut in der Hand. Sie waren von anderen Menschen geschaffen und eingearbeitet und hatten nichts mit mir zu tun. Sie waren, ganz im Gegensatz für den, bei dem ich sie „entwendete“, stumpf, unhandlich, unpräzise, grobschlächtig. Ich konnte mehr schlecht als recht überleben mit dieser Ausstattung.

 

Ohne es bewusst zu bemerken, warf ich so manches Gerät im Verlaufe der nächsten Berufsjahre auf den Müll. Nur sehr wenige Teile wurden von mir angepasst, aufgearbeitet, angeschliffen. Ich spürte während meiner Arbeit immer mehr, dass ich sehr individuelle, mich als Pädagogen charakterisierende Eigenschaften hatte, die unverwechselbar waren und die mir die Arbeit in den Klassen erleichterten. Dazu gehört z.B. die Fähigkeit, Kooperation von meinen Schülern einzufordern. Einfordern ist hier sehr wörtlich zu verstehen und hat nichts mit erheischen, erbetteln oder erkaufen zu tun.

 

Die Forderung nach Kooperation ist deshalb bis heute ein Grundprinzip von mir: „ Ich bin hier, um etwas von mir an Dich/Euch zu geben. Ich verschenke Information, Wissen, neueste Erkenntnisse, Erfahrungen, Haltungen, Einstellungen usw. Ich erwarte, dass Du/Ihr mir zuhört, mitarbeitet, mitstreitet….etc. Dies hilft auf längere Sicht sowohl Dir/Euch als Schüler, weil etwas gelernt werden kann und mir als Lehrer, weil ich meine Arbeit gut bewältige.“

 

Die zweite, unlösbar mit dieser Kooperationsforderung im Zusammenhang stehende Aussage ist: „Jede Störung von Dir/Euch ist ein Angriff auf das Kooperationsprinzip und wird von mir sofort nach der Methode: ´Wie Du mir, so ich Dir` unmittelbar beantwortet.“

 

Mit anderen Worten: Ich versuche immer in meiner Arbeit eine Situation zu entwickeln, bei der beide Seiten Gewinner sein können. Jede Störung dieses Prozesses wird jedoch sofort (und nicht erst nach Eskalation!) im Ansatz unterbunden („wehret den Anfängen!…“). Dabei beobachte ich sehr genau, wann eine solche Störung beginnt. Eine Störung hat aus meiner Erfahrung immer bei einer Person seinen Ursprung. Hier ein scharfes Beobachtungsinstrument zu besitzen, welches im Hintergrund den Klassenraum permanent scannt, ist ein großes Glück und gehört deshalb dringend in den Werkzeugkoffer.

 

Freundlich und bestimmt lassen sich Eskalationen zu diesem Zeitraum noch leicht vermeiden. Anschließend gehe ich wieder über zum Prinzip der Kooperation. Dieses Spiel zwischen freundlich zu sein und zurückzuschlagen, dann aber wieder zur Kooperation zu finden (und nicht beleidigt zu sein), ist sehr wirksam und reibt nicht auf. Es stellt ohne großen Aufwand die Ordnung im Klassenverband wieder her und ist von jedem Schüler leicht einsehbar.

 

Übrigens: Ohne dass ich mir dessen bewusst war, lernte ich Jahre später, dass die sogenannte Spieltheorie genau dieses Prinzip als sehr erfolgreiche Strategie erforscht hat. (Vgl. hierzu Robert Axelrod: Die Evolution der Kooperation, R. Oldenbourg Verlag, München 1991). Doch weiter zu meinem Werkzeugkoffer: Oft bemerke ich bei Hospitationen im Unterricht meiner Kollegen, dass es ihnen schwerfällt, ihre Schüler nur durch die Sprache zu erreichen. Die Klassen sind einfach zu groß und im Frontalunterricht fällt es oft schwer, die Fäden zu den einzelnen Schülern zu spannen. Im Verlaufe meines Berufslebens habe ich die Erfahrung gesammelt, dass ein Großteil des Stresses, dem der Lehrer ausgesetzt ist, durch die räumliche Distanz zwischen ihm und den Angesprochenen entsteht.

 

Der „akustische Faden“ ist zu eindimensional und reicht nicht aus, um mit dem Lernenden in Beziehung zu treten. Dies hat häufig etwas mit der Sitzordnung in der Klasse zu tun. Wenn die Bänke in Reihe hintereinander aufgebaut werden, ergibt sich für mich als Lehrer nur für die erste Reihe die Chance, eine persönliche Distanz zu meinem Schüler aufzubauen (etwa ein Abstand von 80 bis 100 cm zwischen mir und dem Schüler). Alle anderen Mitschüler „verschwimmen“ in der öffentlichen Distanz. Um also auch mit den anderen Schülern in der persönlichen (oder gar privaten Distanz - unter 60 cm Abstand) zu kommunizieren, bevorzuge ich grundsätzlich die U-Form als  Tischaufstellung. In der Mitte dieser sich ergebenen Manege kann ich mit wenigen Schritten den Schüler erreichen.

 

Allein meine physische Anwesenheit in der persönlichen Distanz verstärkt (nonverbale) Kommunikation und erleichtert den Unterricht enorm. Das Spiel mit diesen Distanzen hat den großen Vorteil, dass ich so die Klassengröße subjektiv verkleinere und den Wechsel von Einzelkommunikation und Gruppenkommunikation problemlos beherrschen kann. Eine sich entwickelnde Störung ist so auch umgehend mit leisen Tönen in der privaten Distanz freundlich unterbunden. Gleichzeitig entfällt die Anonymität, welche ansonsten dem störenden Schüler in der letzten Bankreihe eingeräumt wird.

 

Auf dieser entstandenen Bühne kann ich als Lehrer mit meinem gut vorbereiteten Unterricht wirkungsvoll agieren. Auf dieser Bühne werfe ich den Ball in die Gruppe und lasse ihn kreisen. Diese Bühne ist mein Bahnhof, an dem der Zug mit Unterrichtbeginn einfährt und alle Schüler einsteigen lässt. Ich bin als Lehrer Zugführer, bestimme den Zielbahnhof und die Geschwindigkeit der Fahrt.

 

Ein Zweites, das ich bei meinen Hospitationen immer wieder erlebe: Sehr häufig wird unter dem Leistungsniveau der Schüler unterrichtet. Dies entspringt u.a. der Sorge, dass nicht alle Schüler „mitkommen“. Oft ist gerade aber diese Einstellung der Grund dafür, dass die Klasse unaufmerksam wird, weil sie sich langweilt. Dies muss unweigerlich zu Undiszipliniertheiten führen, an denen man sich dann aufreibt. Die Grundregel für mich heißt seither: Vollzeitbeschäftigung, und zwar über die gesamten 45 Minuten.

 

Gerade in den problematischsten Klassen habe ich es mir angewöhnt, den Unterrichtstoff zügig und methodisch abwechslungsreich zu vermitteln. Woran ich dabei aber nie vorbeikam, war die umfangreiche Vorbereitung auf den Unterricht. Unzureichende Vorbereitung produziert Langeweile, Disziplinverstöße und, und, und….

 

Dieses Prinzip der Vollzeitbeschäftigung gilt für alle Altersgruppen. Vor einigen Jahren hatte ich eine Klasse in der Erwachsenenbildung. Mein zu unterrichtendes Fach war „Produktionswirtschaft“, überaus trocken und bei den Schülern deshalb nicht unbedingt beliebt. Gleichzeitig galt die Klasse, alles gestandene Frauen und Männer zwischen 25 und 50, als undiszipliniert, aufmüpfig und provozierend (ja, das gibt es nicht nur bei Kindern und Jugendlichen!). Ich legte in jede Unterrichtsstunde sehr viele Inhalte. Jede Stunde gliederte sich in meinen Vorlesungsteil, anschließend 15 Minuten Diskussion und Vorbereitung auf die schriftliche Wochenprüfung.

 

Davon gab es zwei: Mittwochs und am Freitag. Obwohl das Leistungsniveau in der Klasse sehr inhomogen war, arbeiteten alle Teilnehmer konzentriert mit, es gab keine Undiszipliniertheiten wie in anderen Fächern, die Rückfragen waren immer themenbezogen, es gab keinen Raum und keine Zeit für Störungen. Jeder Teilnehmer war bemüht, die Inhalte zu erfassen, welche ja dann in zwei schriftlichen Arbeiten abgefragt und bewertet wurden.

 

Dieses Prinzip der Vollzeitbeschäftigung machte aus einer aus Dozentensicht „unbeliebten“ Klasse eine sehr sympathische Truppe, welche noch dazu, man soll es nicht glauben, dieses so unbeliebte Fach zu einem ihrer Lieblingsfächer erkoren hatte.

 

Dieses Beispiel zeigt, dass das Anbieten von Lerninhalten zu den wichtigsten Prinzipien in unserem „Handwerk“ zählt. Wenn diese Inhalte dann noch mit dem entsprechenden Schwung vermittelt werden, fehlt die Zeit für Störversuche (Siehe aber oben: Im Hintergrund läuft der „Störungsscanner“ ständig mit!). Gerne spreche ich in diesem Zusammenhang vom „Abbrennen“ im Unterricht. Die Fähigkeit, kontrolliert „abzubrennen“, kann man lernen. Dazu benötigt man den Brennstoff, also den zu vermittelnden Lernstoff und eine Portion schauspielerisches Talent. Der Rest ist Training. Modulierter Stimmeinsatz, Lautstärke, Gestik, Mimik, Arbeit mit den erwähnten Distanzen… all dass gehört zum Inventar meines Werkzeugkoffers und lässt mich in diesem Handwerk erfolgreich agieren.

 

Und noch ein Punkt, den ich erwähnen möchte, weil er im Zusammenhang mit Disziplinproblemen im Unterricht von Bedeutung ist: Häufig beobachte ich an den Schulen, dass gerade mit Schuljahresbeginn eine Reihe von Regeln aufgestellt werden, welche von den Schülern einzuhalten sind. So gibt es beispielsweise in einer 5. Klasse eine kleine Glocke, die, wenn sie läutet, alle Schüler auffordert, Gespräche umgehend einzustellen und die Aufmerksamkeit auf den Lehrer zu richten. Dies funktioniert sehr gut, allein: Im Verlaufe von nur zwei Monaten reagieren die Schüler nicht mehr auf das Signal.

 

Der Grund ist schnell erklärt: Nicht alle Lehrer nutzen dieses Glöckchen. Einige versuchen über die Stimme Ruhe in die Klasse zu bekommen, andere überhören aber auch schlichtweg Undiszipliniertheiten. Und so kommt es, dass dieses so gut eingeführte Aufmerksamkeitssignal im Bewusstsein der Schüler immer blasser wird. Und damit kommen wir zu dem eigentlichen Problem. Regeln müssen von allen Lehrkräften sehr präzise eingehalten werden. Wenn man sich auf ein Glöckchen verständigt hat, so sollten es auch alle benutzen. Wenn es üblich ist, dass die Schüler sich zur Begrüßung erheben, dann bitte bei allen Lehrern, auch wenn es dem einen oder anderen Kollegen nicht gefallen mag.

Wenn es zur Pause klingelt, dann ist die Unterrichtsstunde dennoch erst beendet, wenn der Lehrer dies sagt und nicht, wenn der Schüler dies möchte. All diese Dinge hören sich so banal und einfach an. Das Schöne daran ist: Es ist banal und einfach. Und es ist wirkungsvoll, wenn alle diese Regeln in gleicher Präzision benutzen. In diesem Zusammenhang ist es immer wieder erstaunlich, wie wenig teamorientiert unsere Berufsgruppe arbeitet. Teamorientierung meint in diesem Zusammenhang auch, sich gemeinsam Klarheit darüber zu verschaffen, wie in Störsituationen in der Klasse vorgegangen wird. Oder: Wie reagieren wir bei extremen Disziplinverstößen.

 

Zitieren wir z.B. einen Schüler vor ein ausgewähltes Lehrerkollegium, um ihm in der Geschlossenheit des Teams unsere Meinung zu seinem Fehlverhalten zu vermitteln? Oft wird in Fachkreisen davon gesprochen, dass wir Lehrer Einzelkämpfer sind. Das ist wohl richtig. Der eine Kollege hat keine Probleme, der andere löst sie auf „seine Weise“, der Dritte ist froh, wenn er den Klassenraum verlassen kann. Diese Probleme sind, Sie werden es mir jetzt verzeihen, hausgemacht! Der erste Kollege hat wirkungsvolle Werkzeuge, welche seine Arbeit erleichtern. Der andere Kollege „schießt u. U. mit Kanonen auf Spatzen, der dritte Kollege ist vielleicht einfach nur schlecht sortiert. Wie gut tut es da, bei einem Kollegen zu hospitieren, der viel Erfahrung hat und bei dem sein individueller „Aufmerksamkeitssensor“ scharf gestellt ist.

 

Es gibt keine Geheimnisse und keine Zauberei in unserem Beruf. Unser Beruf hat eben viel mit Übung und Erfahrung zu tun. Das wusste schon ein Meister der Erziehung, Anton Semjonowitsch Makarenko. Er betonte immer wieder, dass gelingende Erziehung in erster Linie ein solides, sachliches Handwerk ist. Ein „gutes Herz“ und „Heldentum“ beim Kampf um die Kinder reichen keinesfalls. (Vgl. z.B.: Aus den Vorarbeiten zum „Pädagogischen Poem“, Volk und Wissen Berlin 1972, Werke, Bd. 1, S. 700ff.) Zu diesem Schluss kommt auch Prof. Dr. Rainer Dollase von der Uni Bielefeld: „Struktur und Organisation ist alles. Dass es sich beim Unterrichthalten um ein schlichtes Handwerk handelt, das man auch handwerklich lernen muss, wird dabei gerne vergessen.“ Und an anderer Stelle: „Die internationale Unterrichtsforschung beantwortet die Frage, was macht erfolgreichen Unterricht aus, recht eindeutig sowohl nach Metaanalysen wie nach Videostudien wie nach Lernzuwachsstudien: In erster Linie ist ein classroom management notwendig, das darin besteht, dass alle mitarbeiten und dass es wenig Fehlverhalten gibt. Die Aussage ist nicht tautologisch, wenn man die Techniken sieht, die hierzu führen. Dabei ist das ‚Verstehen’ der Dimension wie Allgegenwärtigkeit, Überlappung, Reibungslosigkeit und Schwung, Aufrechterhaltung des Gruppenfokus nicht das Problem, sondern deren Realisierung im Unterricht.“ (Was macht erfolgreichen Unterricht aus? Internetpräsenz: www.uni-bielefeld.de /psychologie/ ae/ AE13/ HOMEPAGE/ DOLLASE/ Artikel.html - Unterricht. 2004)

 

 

Resümee: Meine eigene Unterrichtstätigkeit und meine Beobachtungen bei Kollegen in den verschiedensten Schulen lassen mich zu dem Ergebnis kommen, dass es lediglich einer Handvoll „Werkzeuge“ bedarf, um erfolgreichen und guten Unterricht zu gestalten. Der Grad der Beherrschung dieser Werkzeuge allerdings macht den Unterschied zwischen erfolgreich oder nicht erfolgreich aus. Oder drastischer: Mit Freude im Lehrerberuf alt werden zu können oder sich vorzeitig mit burn-out in den Ruhestand zu verabschieden. Sie haben es in der Hand. Ich hatte das Glück, von den „Alten“ in unserer Branche lernen zu dürfen. Unzählige Hospitationen und viele vertrauensvolle Gespräche haben mir dabei geholfen, mich als Lehrer zu entdecken.

 

Dazu gehörte auch das bewusste Spielen mit den eigenen Möglichkeiten. Unterrichtssituationen, seien sie auch noch so konfliktbeladen, schrecken mich nicht, sondern fordern mich pädagogisch heraus. Ich empfinde sie nicht als beängstigend, weil ich die Wirkungen meines Handwerkzeugs kenne.

 

In der Zwischenzeit sind eine gute Zahl von Berufsjahren ins Land gegangen. Heute besteht eine meiner wesentlichen Aufgaben darin, Schulen auch hinsichtlich ihres pädagogischen Konzeptes zu begleiten. Da spielen dann die Begriffe Inklusion, Nachteilsausgleich und kinderpsychiatrische Diagnostik eine Rolle. Im Kern geht es aber um die Frage, welche erzieherische Kompetenzen in einer Schule versammelt sind und wie diese Kompetenzen genutzt werden können. Und hier werde ich täglich konfrontiert mit sehr unterschiedlichen Grundhaltungen zum Thema „Erziehung“. Sie gehen von „die Schule hat einen Bildungsauftrag, keinen Erziehungsauftrag“ über „ die Erziehungsprobleme sind über das Jugendamt zu lösen“ bis hin zu der grundsätzlichen Frage , was Erziehung eigentlich ist.

Klar ist sicher, dass sich unsere Kinder aus psychologischer Sicht nicht geändert haben. Was sich geändert hat, sind die Einstellungen in der Gesellschaft, was Erziehung ist, was sie soll und was sie „leisten“ kann.

Zunächst soll Erziehung ganz sicher unseren Kindern ein differenziertes Abbild unserer Wirklichkeit vermitteln, in welcher sie und wir alle leben. Das bedeutet, dass die eigene Rolle in dieser Wirklichkeit erkannt werden muss, um selbstwirksam agieren zu können. Nach meiner Überzeugung ist dies eben auch die zentrale Aufgabe der Schule! Die Frage ist jedoch, wie wir dieses Thema praktisch angehen. Ich erlebe heute immer wieder, dass sowohl Eltern als auch Lehrkräfte sehr schnell die Flinte ins Korn werfen, wenn es erzieherisch „nicht so klappt“. Da gibt es auf beiden Seiten, Eltern und Schule, Schuldzuweisungen. Beide Seiten sind dann recht schnell dabei, Verhaltensthemen der Schüler in einen pathologischen Rahmen zu setzen: Eltern: „Unser Klaus hat ADHS, bitte berücksichtigen sie dies bei ihrem Unterricht, hier ist die Diagnostik....“ oder Schule: „ Wir empfehlen ihnen, um die Schullaufbahn ihrer Tochter nicht zu gefährden, kinderpsychiatrische Hilfe in Anspruch zu nehmen, damit ihr oppositionelles Problemverhalten durch therapeutische Begleitung oder Integrationshilfen des Jugendamtes beherrscht werden kann.“.....

In meinen ca. 500 Hospitationsstunden pro Jahr in allen Klassenstufen erlebe ich es recht selten, dass es den Lehrern gelingt, tragfähige Beziehungen zu den Schülern aufzubauen.

Der Unterricht wird vielfach „abgerissen“ und ist nicht geeignet, Bindungsprozesse zwischen Schülern und Lehrern zu fördern. Im Gegenteil: Sichere Bindungen scheinen häufig eher nicht erwünscht! Sie gehören nicht in den Unterricht, könnten missverstanden werden, sind auch in der Folge verpflichtender.

 

Diese Haltung verhindert Erziehung im Sinne von Beziehung. Und sie verspielt die Chance, Entwicklungsprozesse bei unseren Kindern zu fördern, welche letztendlich zu einer realistischen Selbst- und Fremdwahrnehmung führen.

 

Aus: Ralf Hickethier

"Pädagogisch inkorrekt"

Leipzig 2010, Seite 104 - 111

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Ich fand vor einiger Zeit im Internet eine, wie ich finde, treffende Darstellung der Schule 1977 im Vergleich zu 2007. Sie ist natürlich überzeichnet, aber beschreibt treffend, worum es geht:

Schule im Wandel der Zeiten 1973 - 2006

Szenario: Robert hat sein neues Taschenmesser mit in die Schule gebracht. 

1973 - Der Biolehrer zückt sein eigenes und zusammen mit den anderen Schülern vergleichen sie die unterschiedlichen Funktionen 

2006 - Die Schule wird weiträumig abgesperrt. GSG9 und Elitetruppen der Polizei rücken an. Robert wird mit mehreren Betäubungsschüssen gelähmt und sofort in ein Hochsicherheitsgefängnis verfrachtet. Der Schulpsychologe kommt und betreut die traumatisierten Mitschüler und Lehrer. 

Szenario: Robert und Markus raufen sich nach der Schule. 

1973 - Es bildet sich eine Gruppe und feuert die beiden an. Markus gewinnt. Die beiden geben sich die Hand und alles ist geklärt. 

2006 - Die Polizei kommt und nimmt beide fest und klagt sie wegen schwerer Körperverletzung an, beide werden der Schule verwiesen und landen ohne Ausbildung auf der Strasse. 

Szenario: Ahmed fällt wegen Deutsch in der 8. Klasse durch. 

1973: Ahmed nimmt Nachhilfeunterricht in den Sommerferien und schafft den Schulabschluss ein Jahr später ohne Probleme. 

2006: Ahmeds Fall landet vor der Gleichstellungskommission der Schule. Die liberale Presse findet das Verhalten der Schule unvertretbar. Deutsch ist nicht die Mutter aller Sprachen. Man denke mal daran, was im Namen der deutschen Sprache schon alles für Unheil angerichtet wurde. Die Schule lässt unter dem immensen Druck eine Nachprüfung mit Fragen für einen Erstklässler zu und Ahmed rückt nach. Den Abschluss schafft er nicht und landet am Fließband bei VW weil er immer noch kein Deutsch kann. 

Szenario: Robert wirft einen Feuerwerkskörper von Silvester in einen Ameisenhaufen. 

1973: Einige Ameisen sterben 

2006 - Tierschutzverein, Kripo, Anti-Terror Truppe und Jugendamt werden gerufen. Robert werden schwer gestörtes Sozialverhalten, pyromanische Anlagen und terroristische Grundtendenzen vorgeworfen. Die Eltern und Geschwister müssen sich einem Psychotest unterziehen. Sämtliche PCs im Haus werden auf Gewalt verherrlichendes Material untersucht. Roberts Vater wird unter Beobachtung gestellt und darf nie mehr in seinem Leben fliegen. 

Szenario: Robert fällt beim Turnen hin und verletzt sich am Knie. Der Lehrer läuft sofort zu ihm, hilft ihn auf und trocknet seine Tränen. Dann geht er mit ihm ins Sekretariat, kümmert sich um ein Pflaster und bleibt noch kurz bei ihm sitzen. 

1973 - Nach kurzer Zeit geht es Robert wieder besser und er geht zurück in die Pause. 

2006 - Der junge Lehrer wird wegen sexueller Belästigung von Minderjährigen sofort aus dem Schuldienst entlassen und bekommt ein Strafverfahren in dem er zu 5 Jahren Gefängnis verurteilt wird.

 

Wie gesagt: Sicher überspitzt, dennoch machten diese Szenarien deutlich, dass sich ja wohl unsere Einstellung zu Dingen des täglichen Lebens stark gewandelt hat. Wir sind hypersensibel im Umgang mit diesen Alltäglichkeiten, von denen wir meinen, sie gefährden unsere Kinder. Wir werden unsicher in unserer Entscheidung und verlagern sie nach außen. Wir reagieren auf vermeintliche störende Impulse in der Klasse irritiert, rufen um Hilfe und geben unseren Kindern das Eine nicht: Sicherheit in die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler.

Dies gilt ebenso für die Sicherheit in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern: Welcher Grundschüler läuft denn heute noch in die Schule? Vor Schulbeginn versammeln sich täglich zig Autos, aus denen Schüler entsteigen, mit sorgenvollen Blicken von Papa oder Mama hinter dem Steuer bis zum Schultor begleitet. Der gleiche Vorgang am Ende des Schultages in umgekehrte Richtung. Haben wir es verlernt, unseren Kindern solche selbstverständlichen Dinge wie den Weg zur Schule anzuvertrauen? Wir glauben nicht mehr an unsere Kinder! Wir sind besorgt, verängstigt, verunsichert... Wir verhindern damit Verselbstständigung! Wir verhindern, dass sich unsere Kinder an dem, was sie umgibt reiben und entwickeln können. Wir verhindern es, weil wir in einem Höchstmaß selber verunsichert sind.

Die Medien tragen dazu sicher ihren Teil dazu bei. Unsere eigenen Fähigkeiten, dieses Leben differenziert zu betrachten, eigene Standpunkte zu entwickeln und Entscheidungen zu treffen, wird durch die Flut von Horrormeldungen aus Rundfunk, Fernsehen und Presse überdeckt. Wir sind verängstigt und übertragen dies auf unsere Kinder. Wir werden nicht als sichere Erwachsene durch unsere Kinder erkannt, jede Chance, im kindlichen Leben Erfahrungen zu sammeln und dabei auch mal die blutige Nase auszuhalten, wird ihnen im Ansatz genommen. Welches Kind springt denn heute noch unbeaufsichtigt mit seinen Freunden stundenlang auf Wiesen umher, baut sich in den Büschen Lager und macht hierbei neben handwerklichen auch soziale Erfahrungen.

Unsere Eltern konnten uns in den 60 iger Jahren eine freie und unbekümmerte Kindheit erleben lassen, welch ein Kinderglück! Und dies, obwohl die Lebensrisiken sicher nicht geringer waren. Aber sie wussten, wir werden um 18:30 Uhr zu Hause sein, im Winter war es da schon stockdunkel (ich spüre förmlich, wie Ihnen, lieber Leser, eine Gänsehaut bei diesem Gedanken über den Rücken fährt). Ja wir waren pünktlich zu Hause, meine Freunde und ich. Durchgefroren, mit nassen Füssen, verschrammt und glücklich. Und warum? Es galten klare Absprachen, die zu missachten uns nicht einfiel. Denn schon sehr frühzeitig, so etwa im vierten Lebensjahr, bekamen wir klar formulierte Aufträge durch unsere Eltern, die es zu erfüllen galt. Sie waren unserem Alter entsprechend, dazu gehörte z.B. das Aufräumen der Spielecke, aber sie mussten erfüllt werden, wurden eingefordert.

Woher wussten unsere Eltern, dass diese Erziehung förderlich für uns sein würde? Sie haben weder Pädagogik oder Psychologie studiert und auch die Ratgeberliteratur auf diesem Gebiet war Anfang der 60 iger Jahre sehr spärlich. Ich denke, sie hatten einen schärferen aber auch entspannteren Blick auf die Realität, sahen die Familie als Ganzes, in welcher jeder seine Aufgabe hat, die es, je nach Alter, zu erfüllen galt, ohne Diskussion und lange Auseinandersetzungen. Und daraus entstand dann die gegenseitige Wertschätzung, welche die Basis für eine vertrauensvolle Erziehungsatmosphäre ist, in welcher im Ergebnis eben auch das Vertrauen in die Möglichkeiten der Kinder stand. Sie wussten, was sie uns zutrauen konnten und was noch nicht ging. Wir zweifelten nicht die Kompetenz unserer Eltern an, wenigstens nicht in diesem jungen Alter bis 12 Jahren. Forderungen an uns wurden erfüllt, unsere Eltern lebten es uns ja vor. Grenzen waren für uns erfassbar und durften nicht verletzt werden. Und das galt nicht nur innerhalb der Familie: Es gab einen öffentlichen Blick auf die Dinge, die uns Kinder betrafen. Es gab eine öffentliche Verantwortung zum Thema Erziehung. Wenn wir als Kinder im Spiel durch die Vorgärten jagten und Zaun um Zaun überwanden, machte uns dies sicher zunächst viel Freude. Spätestens aber, wenn Herr Schanetzky, ein Rentner um die 80, sein Donnerwetter los lies, suchten wir uns andere Spielmöglichkeiten. Er war es, der die Zäune in Schuss hielt, sie strich und ausbesserte. Wir lernten, Arbeit zu respektieren und von ihm angeraunzt zu werden, war dann begründet. Eine vergleichbare Situation heute würden Herrn Schanetzky vermutlich viele dumme und beleidigende Sprüche einhandeln, im schlimmsten Falle würden die Zäune bewusst beschädigt werden. Warum ist dies so? Unsere Kinder haben es zu Hause nicht gelernt, mit Grenzen umzugehen, sie sind zu selten frustriert worden im Spiel der Möglichkeiten, etwas zu können aber nicht zu dürfen. Aber gerade das Erlernen des Umganges mit diesen frustrierenden Gefühlen muss erlernt werden, idealerweise schon sehr früh.

Es ist deshalb so wichtig, weil wir in unserer täglichen Erfahrung genau dies immer wieder erleben: Dinge tun zu müssen, welche wir eigentlich nicht so gerne wollen. Ich bin seit 40 Jahren frustriert, täglich um 5 Uhr aufstehen zu müssen, um meinen Arbeitstag zu beginnen. Dennoch habe ich es gelernt, mit diesem Frust umzugehen, man könnte auch sagen, ich habe Disziplin. Vielleicht hat Herr Schanetzky seinen Anteil daran. In meiner Beratungsarbeit in Familien, welche erzieherische  „Probleme“ mit ihren Kindern haben, erwähne ich häufig, dass die Eltern immer wieder einmal bewusst Frustrationsimpulse setzen sollen, die es gilt, durch die Kinder überwunden zu werden. Hierdurch entsteht Entwicklung. In Begleitung durch die Eltern eröffnet sich hier ein großes Feld, erzieherisch tätig werden zu können. Die Eltern lernen ihre Kinder kennen, können loben oder kritisieren. Sie entwickeln ein Gefühl für die Dinge, die sie ihrem Kind zutrauen können. Es entwickelt sich gegenseitiges Vertrauen. Wichtig in diesem Zusammenhang ist es, nicht ständig jeglichen „Frust“ der Kinder zu beantworten. Hier auch einmal auszuhalten, ist die bessere Wahl. Vielfach erlebe ich es, dass die Eltern nach sehr kurzer Zeit scheinbar helfend hinzuspringen und dabei die zu erfüllende Aufgabe entkräften. Passiert dies wiederholt, führt das dazu, dass das Kind ein Muster entwickelt: Ich muss nur jammern, das geht den Eltern auf die Nerven, schon machen sie es selbst. Der eigentliche Witz ist nun aber, das die Eltern wiederum ebenso ein Muster ausprägen: Kind jammert, ich bin genervt, mache ich´s doch lieber selbst. Hier geht Erziehung klar in die falsche Richtung. Richtig wäre es zu sagen: „ Du bist hier zu Hause wie Mutti und Vati. Wir haben alle unsere Aufgaben, Mutti und Vati gehen arbeiten, Mutti kocht und putzt, Papa renoviert am Nachmittag dein Kinderzimmer und du trägst jetzt den Mülleimer runter, wie besprochen. Dies ab heute täglich.“

Die Ursachen für sehr viele Verhaltensprobleme in der Schule liegen eben aus meiner Sicht in dem mangelnden Vermögen der Eltern, konsequent und präzise Forderungen an ihre Kinder zu stellen um umzusetzen, d.h. einzufordern. Im Resultat haben wir es mit Kindern zu tun, bei denen künstlich Wahrnehmungsprobleme erzeugt wurden: „Mutti hat das gesagt, macht es aber selbst....“. Kommen diese Kinder in die Schule, vermitteln sie den Eindruck, Anforderungen an sie nicht verstehen zu können. Diese künstlich herausgebildete Wahrnehmungsstörung lässt einen Beobachter schnell an autistisches Verhalten denken. Dabei hat es das Kind lediglich nicht gelernt, Anforderungen, Aufgaben und Anweisungen zu verstehen, geschweige umzusetzen. In der Schule sicher besonders verhängnisvoll. Diese „Pseudoautisten“ erhalten dann vielfach tatsächlich über eine fachliche Diagnostik eine Bestätigung für ihre Wahrnehmungsbesonderheiten. Die Eltern sind nun beruhigt, es trifft sie keine Versäumnis, im Gegenteil, sie haben das Kind bei einem Facharzt ja untersuchen lassen und sind nun im Besitz der entsprechenden Begründung. Und die Lehrkräfte arbeiten ab sofort mit dem Kind unter dem verabschiedeten Nachteilsausgleich für Kinder mit einer Autismus-Spektrum-Störung. Hier bleibt das Kind hinter seinen Möglichkeiten, gilt ab sofort als beeinträchtigt und alle sind glücklich, nun endlich eine Begründung zu haben. Liebe Leser, wir machen es uns zu einfach, sowohl in den Familien als auch in den Schulen. Denn auch in der Institution Schule funktionieren die selben Muster: Selbst die festgeschriebenen Schulregeln werden nur selten konsequent von den Lehrkräften durchgesetzt. Und der einzelne Kollege, der diese Regeln ernst nimmt, steht oftmals allein auf weiter Flur. Wir leben offensichtlich in einer Zeiten des Wahrnehmungschaos´. Wie sollen Kinder in der Schule die Schulordnung bewusst wahr nehmen, wenn sie selbst durch die Lehrkräfte nicht verinnerlicht worden ist, geschweige denn umgesetzt wird. Wir erzeugen selbst unsere Probleme selbst. Was können wir tun?