Liebe Besucher meiner Hompage,

Auf dieser Seite möchte ich Sie bitten, mit mir zu diskutieren. Teilen Sie ihren Standpunkt zum Thema Autismus-Spektrum-Störung (ASS), ADHS usw. mit, regen Sie durch Ihren Beitrag die Diskussion zu diesen Themen an. Auch Ihre Erfahrungen hinsichtlich der Förder- und Unterstützungsmöglichkeiten sind von Interesse! Gerne nehme ich auch Ihre Kritik, positiv wie negativ, mit auf. Dies kann und soll selbstverständlich auch meine Person betreffen.

Ich möchte Sie allerding darum bitten, in konstruktiven Stil Ihre Meinung zu äußern, besten Dank!

Ihren Beitrag senden Sie mir bitte per eMail an: bernd.guenther@iboservice.de

 

Autismus: Krankheit oder eine Variation der Evolution?

Mein Standpunkt zur Diskussion

In meiner täglichen Arbeit an den Schulen in Rheinland-Pfalz befasse ich mich seit Jahren sehr viel mit dem Thema „Autismus bei Kindern und Jugendlichen“ (aber auch deren Eltern!). Die heute sinnvoller Weise „Autismus-Spektrum-Störung“ genannte Wahrnehmungs- und Kommunikationsstörung, welche besondere Herausforderungen an die Eltern und die Schulen, aber besonders an die  betroffenen Kinder stellt, ist immer noch nicht medizinisch abschließend geklärt. Die genetische Disposition ist durch moderne Verfahren der bildgebenden Diagnostik gut belegt, viele andere Fragen sind weiterhin noch offen.

Wir haben heute zwei Blickrichtungen auf die ASS: Die dominierende Sichtweise ist die pathologische Betrachtung eines Krankheitsbildes. Dominierend auch deshalb, weil mit einer entsprechenden Diagnostik („ADOS“, ADI-R“) Hilfen für die betroffenen Kinder möglich werden, vom schulischen Nachteilsausgleich mit den dann anzupassenden methodisch-didaktischen Hilfestellungen, über Inklusionshilfen im Unterricht, Fördermaßnahmen in Facheinrichtungen usw. Diese Hilfen werden finanziert, z.B. im Rahmen des § 35a SGB VIII (Stichwort: Beeinträchtigung der Teilhabe). Das Kind ist also aus medizinischer Sicht „beeinträchtigt“, festgeschrieben im ICD 10 der WHO als „tiefgreifende Entwicklungsstörung“.

Viele Eltern finden in dieser Diagnose endlich eine Erklärung dafür, warum es denn so problematisch mit ihrem Kind sowohl in der Schule als auch im Elternhaus ist. Sie finden sich mit dem pathologischen Erklärungsmodel, welches immer die „Störung“ sieht, ab. Dieses „Störungsmodel“ ist jedoch durchgängig defizitär. Es betrachtet all das, was diese Kinder nicht können, bzw. von dem angenommen wird, dass sie es nicht können: wenig bis keine Emphatie, kein Selbst- und Fremdbild, Kommunikationsschwierigkeiten, „Kontextblindheit“, die mangelnde Fähigkeit, Reize differenziert zu filtern, usw.

Demgegenüber steht das Konzept der Neurodiversität, welche unsere neurologische Vielfalt betont und atypische neurologische Entwicklungen als normal betrachtet. Dies gilt übrigens auch für die pathologischen Krankheitsbilder wie Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, Dyslexie, Tourette-Syndrom und viele weitere, im ICD 10 beschriebene „Defizite“.

Die evolutionäre Entwicklung unseres menschlichen Gehirns „produziert“ neurologische Vielfalt. Atypische neurologische Entwicklungen sind demnach normale menschliche Unterschiede. Das Konzept der Neurodiversität umfasst alle Menschen, es betrachtet die neurologisch atypischen Menschen nicht als Problem sondern als Minderheit, mit ihren individuellen Stärken. Es kommt weg von der Stigmatisierung dieser Menschen und plädiert auf Teilhabe auf der Grundlage der Akzeptanz von Vielfalt menschlichen Seins.

Hiermit steht dieses Konzept der pathologischen Diskussion diamentral entgegen.

(In dem lesenswerten Buch von Steve Silbermann (Geniale Störung: Die geheime Geschichte des Autismus und warum wir Menschen brauchen, die anders denken. DUMONT Buchverlag, 2016, ISBN 978-3-8321-8925-0) wird von der „Störung der Ingenieure“ gesprochen.)

Die Frage ist - aus evolutionärer Sicht - noch nicht beantwortet, welche neurologische Entwicklung sich langfristig durchsetzen wird. Wer wird sich an die Anforderungen einer immer digitaler werdenden Welt eher anpassen können? An eine Welt, in der immer weniger direkt persönlich auch per Augenkontakt kommuniziert wird, sondern vorwiegend mit digitaler technischer Unterstützung über große Distanzen Informationen ausgetauscht werden.

Wie dem auch sei: Ich plädiere sehr für das Konzept der neurologischen Vielfalt, weil hierdurch der Mensch mit seinen Stärken und Ressourcen betrachtet werden kann. Etwas augenzwinkernd sei hinzugefügt, dass durch die stetig wachsende Anzahl der ASS-positiven Diagnosen durchaus die Frage erlaubt sein kann, wer denn hier die „neurologische Minderheit“ ist oder zukünftig sein wird.

Ich würde hierzu sehr gerne die Diskussion eröffnen!

 

 

Dr. Michael Umlauff

Lieber Herr Günther,

da haben Sie ja eine spannende Diskussion angestoßen. Zunächst ist grundsätzlich die Frage zu stellen, ob ein ASS-, ADHS- oder Tourette-Betroffener besser oder schlechter mit digitalen Medien und den damit verbundenen Anforderungen umgehen kann. Dies können Sie wohl besser beantworten als ich.

Aber selbst wenn es hier eindeutige Antworten geben sollte, bestreite ich, dass dies irgendwelche Auswirkungen auf die menschliche Evolution hat, also welche neurologische Disposition sich durchsetzt. Dazu genügt ein einfaches Gedankenexperiment: Angenommen, es gäbe im Hinblick auf die beschriebene neurologische Diversität eine definierte Gruppe, die besonders gut mit der digitalen Welt zurecht kommt. Sie bildet also insofern eine gewisse Elite. Nach der Darwinschen Lehre könnte man nun auf die Idee kommen, dass diese Gruppe sich evolutionär durchsetzt.
 
Allerdings befinden wir uns nicht mehr in freier Wildbahn, sondern in einer hochentwickelten, sozial abgefederten menschlichen Gesellschaft. Kein Mensch in Deutschland muss mangels Anpassung, Begabung, Stärke o. Ä. verhungern, und dies ist gut so. Allerdings haben wir, im Nebeneffekt, die Darwinschen Regeln für unsere Spezies außer Kraft gesetzt. Ein nicht angepasstes, krankes oder schwaches Tier erhält keine Gelegenheit zur Fortpflanzung, und gibt seine ungünstigen genetischen Anlagen damit nicht weiter. Ein ebensolcher Mensch unterliegt nicht dieser Beschränkung. Erfolg oder Mißerfolg entscheiden in unserer menschlichen Gesellschaft nicht über die Anzahl der Nachkommen. Es ist im Gegenteil sogar so, dass sich die etwa die obere Mittelschaft signifikant weniger reproduziert als der Durchschnitt. Insbesondere Frauen mit akademischer Ausbildung bleiben in einigen Jahrgängen bis zu 40% kinderlos.
 
Um also den Kreis zu schließen: Die Fähigkeiten im Umgang mit der digitalen Welt, welche sicherlich über beruflichen und sozialen Erfolg entscheiden können, führen meiner Einschätzung nach nicht dazu, dass sich eine bestimmte neurologische Disposition durchsetzen wird.
 
Vielleicht findet sich in dieser Rubrik ja eine überzeugende Gegenrede?
 
Freundliche Grüße
 
Dr. Michael Umlauff
 
 
 
 
Dr. Ralf Hickethier
 
Lieber Freund und Kollege Bernd, ist es überhaupt sinnvoll, über so ein Thema zu diskutieren? Jeder hat doch sowieso auf seine Weise irgendwie recht. Es gibt ein Kriterium, das mir hilft: Nutzt eine bestimmte Auffassung oder „Theorie“ der Liebe oder nicht. (Christen würden sagen: Ich habe ein Kriterium, Jesus Christus, danach richte ich mein Denken aus.)

Liebe ist für mich Beziehungsfähigkeit, also auch die Fähigkeit, anderen Menschen zu vertrauen und sich ihnen auszuliefern. Das tun wir ja schon, wenn wir in ein Verkehrsmittel einsteigen. Wer sagt uns denn, dass sein Fahrer oder Pilot nicht verrückt ist und möglichst viele mit in seinen Tod reißen will? (Das war ja nun tatsächlich mit dem Absturz des Airbus in den französischen Alpen geschehen.) Das ist mal wirklich alternativlos: Mit Vertrauen geht ein Leben vielleicht manchmal schief, aber ohne Vertrauen geht es gar nicht. Wie oft habe ich schon etwas gegessen, in das heimtückisch und boshaft vorher gespuckt wurde oder in das der Schleim eines gehörigen Schnupfens „einverarbeitet“ wurde? (Ich habe einmal ein Video gesehen, wie das ein Bäcker tut.) So etwas muss man vergessen können, sonst sind wir nicht lebensfähig, können nie wieder vertrauen, kaufen uns niemals wieder ein Brot. Zum Glück bin ich vergesslich.

Wenn „Autismus“ in unserer Gesellschaft – auch und meiner Meinung nach primär – als Beziehungs- und Vertrauensunfähigkeit immer mehr zunimmt, dann suche ich dafür nicht zuerst mehr oder weniger geheimnisvolle neurologische Ursachen, dann frage ich mich doch zuerst: Wie tickt eine Gesellschaft, dass das so massenweise zunimmt?

Mich stört das „ordentliche“ Aufteilen des menschlichen Verhaltens in angeblich krankhaftes bzw. von Natur aus behindertes oder gesundes, in medizinisch oder pädagogisch zu behandelndes. Ordnungssinn ist gut und wichtig, ich selbst plädiere für ihn, vor allem im Sinn einer „Ordnung der Liebe“, die Familien Halt und Struktur gibt. Aber an dieser Stelle wird das kontraproduktiv, führt es dazu, dass ein Verhalten, das von den genetischen Koordinaten her nun einmal biologisch so gegeben sei, das man also nicht ändern, sondern nur so akzeptieren und annehmen könne, wie es ist, sich gerade erst durch diesen „gläubigen“ Grundrespekt vor der einmal vorhandenen Individualität im Alltag einer Gesellschaft, z.B. dem familiären oder schulischen, massenweise ausbreiten kann, bevor es dann aufwändig und einzeln medizinisch therapiert wird.

Also: Nicht vererbte oder angeborene neurologische Schwierigkeiten führen primär zu Problemen im Sozialen, sondern ein problematisches, distanziertes, und ich-orientiertes Miteinanderumgehen in den westlichen Gesellschaften verhindert, dass genetische Schwachstellen, die es immer auf allen Gebieten gibt, beim „Nachreifen“ des jungen Menschen, der zu früh in die Welt entlassen wurde, durch seine Erziehung in der Kindheit ausgeglichen werden können. Erziehung findet ja gar nicht mehr statt, es handelt sich anstatt dessen um ein begleitendes Hergehen hinter dem, wie ein Mensch nun einmal sei. Diese Erziehungsphilosophie prägt unsere Kinder, und sie hat viel mit „Autismus“ zu tun, der dann und dadurch auch zum „Pseudoautismus“ wird.

In den Wohlstandsgesellschaften nehmen die erlernten Krankheiten zu

Selbst wenn Autismus primär biologisch bedingt wäre, wobei ja die Übergänge zwischen „normal“ und „gestört“ sehr fließend sind, fällt er doch nicht vom Himmel und ist plötzlich da, erst recht dann nicht, wenn er in einer bestimmten Zeit so massenhaft zunimmt wie heute bei uns auch ADHS oder „Burnout“.

Entwicklungsstörungen mit und ohne Krankheitswert, auch und erst recht psychische, spiegeln immer die Art wider, wie Menschen in einer Gesellschaft miteinander umgehen. Natürlich entstehen sie auch aus vererbten Anlagen heraus, aber dann sind sie, abgesehen von regelrechten Beschädigungen auch in der Schwangerschaft oder bei der Geburt, immer noch ein Widerhall dessen, wie Menschen früher, in vergangenen Generationen miteinander umgingen, vielleicht umgehen mussten, weil ihnen Kriege oder andere existentielle Nöte keine andere Wahl ließen.

Jeder lebt hier bei uns immer mehr für sich selbst

Ich behaupte: Wir leben in Deutschland, vielleicht in den westlichen Gesellschaften insgesamt (was ich nicht so gut beurteilen kann), zunehmend in einer Kultur der Unberührbarkeit: Es gibt hier immer mehr, die nicht berührt werden wollen bzw. die sich nicht trauen, einen Menschen, mit dem sie zusammen leben, zu berühren, sogar dann nicht, wenn sie für ihn verantwortlich sind. Das gilt im körperlichen Sinn für Familienangehörige. Es trifft im übertragenen Sinn aber auch auf andere Gemeinschaften, z.B. eines Hauses, einer übersichtlichen kleinen Straße oder eines Dorfes zu.

Mir kommt über die Straße eine alte Frau entgegen. Sie schimpft laut, so dass ich mich frage, was sie gegen mich auszusetzen hätte. Beim Näherkommen merke ich, dass sie im Selbstgespräch eine Demütigung verarbeiten wollte: „Haben es nicht nötig, mich zu grüßen, im eigenen Haus! Naja, wenn man eine alte Rentnerin ist, nichts mehr zu sagen hat, kein Wunder…“

So versuchte sie sich selbst zu beruhigen und abzufinden damit, was sie so bedrückte: Die anderen gehen verschlossen an mir vorbei. Sie sind nicht bereit, eine Beziehung zu mir aufzunehmen, obwohl ich sie erwartungsvoll ansehe, sie sogar selbst schon zuerst gegrüßt habe, obwohl sie doch meine Enkel sein könnten.

Lebenswichtige körperliche Berührungen werden tabuisiert

Wie katastrophal diese Entwicklung ist, wird mir deutlich, wenn ich in alten Erzählungen lese, wie das früher in Deutschland war, vor über 100 Jahren, z.B. bei Thomas Mann in seiner Novelle „Tonio Kröger“. Sie wurde erstmals 1903 veröffentlicht: Es geht um zwei größere Jungen, Tonio und Hans, Söhne angesehener Bürger, „die öffentliche Ämter bekleideten und mächtig waren in der Stadt“.

An dieser Stelle der Erzählung befinden sie sich auf dem Heimweg von der Schule nach Hause:

Beständig mussten die Freunde, der vielen Bekannten wegen, die Mützen herunternehmen, ja, von manchen Leuten wurden die Vierzehnjährigen zuerst gegrüßt…“ Das scheint für Jungen dieses Alters im Verhältnis zu Erwachsenen, offenbar auch „niederen Standes“, nicht üblich gewesen zu sein, denn Thomas Mann erwähnt es staunend.

Die Erklärung hatte er kurz zuvor mit der hohen Stellung ihrer Väter geliefert. Vier Seiten weiter heißt es zu dem hübschen Hans:

„… Auf der Straße hielten ihn Herren und Damen an, fassten ihn an dem Schopfe bastblonden Haares, der unter seiner dänischen Schiffermütze hervorquoll, und sagten: ‚Guten Tag, Hans Hansen, mit deinem netten Schopf! Bist du noch Primus? Grüß Papa und Mama, mein prächtiger Junge…’“

Stellen Sie sich das heute einmal vor: Sie kennen einen 14-jährigen Schuljungen flüchtig von einer Bekanntschaft mit seinen Eltern, begegnen ihm auf der Straße und wuscheln freundlich seine Haare, während Sie einen schönen Gruß an seine Eltern ausrichten und dann sagen Sie vielleicht noch „mein Junge“ zu ihm. (Gut, ein 14-Jähriger um 1900 entspricht von seiner körperlichen Entwicklung einem heute 12-Jährigen, aber auch einem Jungen in diesem Alter könnte das Beschriebene heute in Deutschland absolut nicht passieren. Er müsste schon, sagen wir, fünf Jahre alt sein, und die Erwachsenen, die ihm die Haare wuscheln, müssten gute Freunde seiner Eltern sein. Mir geht es jetzt gar nicht darum, was besser oder schlechter ist, sondern um die Beschreibung erstaunlicher Entwicklungen.)

Daran dass das heute absolut unmöglich wäre, sehen Sie, in welch distanzierten Gesellschaft wir leben, in der jeder seins macht und einen Kreis der Unberührbarkeit um sich zieht.

Und das in einer Zeit, in der es fast keine Tabus mehr gibt. („Schon um 15 Uhr Titten auf RTL“ heißt es in einem Lied, pardon: „Song“.) Aber ein Kind oder einen Jugendlichen freundlich bei der Begrüßung zu berühren, geht heute „gar nicht“, inzwischen sogar für nicht wenige ihrer eigenen Eltern; für Lehrer und andere erwachsene Bezugspersonen sowieso. Das Misstrauen dominiert, es könnte sich ja um die Anbahnung eines sexuellen Missbrauchs handeln.

Dieser Gedanke ist ansteckend in einer total sexualisierten Gesellschaft. Vor lauter Angst davor wird Kindern eine Lebensgrundlage genommen, denn sie sind angewiesen auf Berührungen wie eine Pflanze auf das Licht.

Alles, was unberührt, „unangetastet“ bleibt, stirbt. Das ist ein Grundgesetz des Lebens, zumindest für höhere Säugetiere.

Topp, die Wette gilt

Dass Kinder und Jugendliche heute anders sind als vor 100 Jahren, ist logisch. Aber nicht jede Entwicklung ist eine Verbesserung und bestimmt ist es auch nicht gut, für alles, was Schwierigkeiten macht, sofort ein Zauberwort parat zu haben, das angeblich alles erklärt: „Pubertät“, „Autismus“ oder „ADHS“. Ich glaube, da steckt mehr dahinter, nämlich unsere ganze Lebensweise.

Jeder Zeitgeist hat seine Vor- und Nachteile. Die Gesellschaften, die den Einzelnen durchaus zur Geltung kommen lassen, das aber im Rahmen des Primats der Gemeinschaft, so wie mir das z.B. in China zunehmend der Fall zu sein scheint, werden sich als lebensfähiger erweisen als die Gesellschaften, die das Primat auf die Interessen und Ansprüche jedes einzelnen Individuums legen.

Topp, die Wette gilt, schauen wir in 20 Jahren, ob ich Recht hatte.

Die Erziehungsphilosophie, die zu unserem Individualismus gehört, lautet: Kind, pass ja auf, dass du nicht zu kurz kommst! Prüfe genau – am besten mit deinen Eltern zusammen -, ob dir nicht etwa etwas vorenthalten wird, das dir zusteht. „Früher“ war es umgedreht:

Da prüften die verantwortlichen Erwachsenen, ob ihr Kind den Anforderungen seiner Welt gerecht wird, ob es sich zum Beispiel „benehmen“ konnte, so weit das seinem Alter entsprach. Und wenn nicht, wurde es korrigiert und das richtige Verhalten eingeübt, idealer Weise von mehreren Erwachsenen, die für das Kind wichtig waren, gemeinsam bzw. gleichzeitig.

Heute wird seufzend mit den Achseln gezuckt, es sei halt ein Kind, und er hätte eben ASS, ADHS oder die Pubertät, von dem könne man keine Rücksicht erwarten. Helfen könne höchstens eine komplizierte und teure psychologische Therapie.

Das Klavier wird an den Hocker gerückt“,

die ganze große Welt soll sich in Deutschland mehr zu den persönlichen Besonderheiten jedes Einzelnen, insbesondere wenn er noch Kind oder Jugendlicher ist, herunterbeugen als dass dieser aufgefordert wird, sich nach seiner Welt auszustrecken.

Kinder und Jugendliche werden bei uns bestärkt, bei allem, was sie tun, sich nach innen auf sich selbst auszurichten: Will ich das jetzt überhaupt? Gefällt es mir? Macht es mir Spaß? Das ist ein grandioses Trainingsprogramm zu „autistischer“ Beziehungsunfähigkeit, zum So-Bleiben, wie ein Einzelner „nun einmal“ sei.

Dabei entwickelt und verändert sich ein Mensch nie wieder so stark, wie wenn er jung ist. Er braucht dazu allerdings ein Bild, wohin er sich entwickeln soll. Es muss eine Vision sein, die über das eigene Ich hinausweist. Sie wird ihm in Deutschland zunehmend mehr vorenthalten, weil die Kinder angeblich selbst, aus ihrem eigenen Inneren heraus am besten wüssten, was gut für sie ist und wonach sie streben sollen.

So müssen sie „bei sich“, auf ihrem bisherigen Entwicklungsniveau bleiben; hoffnungsvolle Triebe, die sich suchend in die Welt erheben, finden zu wenig Halt zum Fortranken: Viele von ihnen müssen sich deswegen wieder zurückkrümmen und um sich selbst wickeln.

Beispiel Schönschrift

Ich z.B. sollte als Kind, das Ende der Fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in Brandenburg/Havel in die Schule kam, meine persönliche Schrift auf eine gesellschaftlich normierte Schönschrift ausrichten. Dadurch konnte ich mich entwickeln, ich musste nicht bei mir, meiner ursprünglichen Krakelei bleiben. Heute ist es in Deutschland umgedreht:

Die gesellschaftlich normierte Schrift, zumindest und zuerst als Schön- und Schreibschrift, löst sich zugunsten einer Unzahl privat-individueller Schreibduktusse auf. Was dabei langsam und unsicher verloren geht, ist die Möglichkeit und Fähigkeit, Beziehungen von Seele zu Seele herzustellen. Jeder bleibt bei sich, bis nicht einmal mehr er selbst seine eigene Schrift entziffern kann. Individualität unangetastet, Beziehung tot.

Die Ironie des Schicksals, einer der größten Treppenwitze der Pädagogik, ist, dass dann auch die Individualität stirbt. Sie kann nicht aus sich selbst heraus wachsen, sondern nur in der Auseinandersetzung mit anderen Individualitäten.

Alles in Allem, lieber Bernd: Eine abstrakte, distanzierte „autistische“ Art ist vielleicht eine neurologische Variante der Informationsverarbeitung, die besser zur neuen, digitalen Zeit passt als die, die lieber im nahen, vertrauensvoll körperlichen Kontakt erfolgt. Aber sie hat meiner Meinung nach das Hauptthema des Lebens verfehlt: Die Liebe, und zwar nicht, weil die „Autisten“ daran schuld sind, sondern weil die, die sie trotzdem hätten erziehen sollen, die gemeinschaftlich besonders fürsorglich und geduldig immer wieder Beziehungen mit ihren Ritualen, auch körperlichen, hätten gestalten müssen, sich zu sehr vermeintlichen Realitäten angepasst haben, auch aus Liebe, weil sie die Eigenart der Persönlichkeit ihres Kindes nicht „brechen“ wollten.

Aus simplen Kleinigkeiten entsteht die Liebe, und da muss auch mal die Unfähig- und Unwilligkeit, sich am Mitmenschen auszurichten, z.B. auf einen anderen zu warten, „gebrochen“ oder unterbrochen werden: Wer beim Frühstück als Kind nicht zum anderen hinschauen musste, ob er überhaupt schon da ist und was er vielleicht noch braucht, und anstatt dessen, nur sein Eigenes (Appetit und Hunger) wahrnehmend, anfängt zu essen, und immer wieder so erzogen wird, wird später nicht lieben können. Er kann dann zum anderen nicht hinsehen, weder lustvoll noch pflichtbewusst. Dieser Gefahr unserer Zeit sollten wir uns bewusst werden, gerade, wenn der Stil der Zeit ein beziehungsloses Nebeneinanderherleben begünstigt.

 

 
(Besuchen Sie auch die Hompage von Dr. Hickethier: http://ralfhickethier.de/?page_id=31 )